„Unforgettable, that’s what we are!“

Das Internet vergißt bekanntlich nie. Dies Faktum eines grenzenlosen virtuellen Gedächtnisses machen sich bekanntlich Personaler zu nutze, indem sie sich im Web auf die Pirsch nach Leichen im Netz-Keller potentieller künftiger Mitarbeiter begeben. Und überhaupt: wer weiß schon wirklich, was Firmen wie google, facebook, ebay, und wie sie alle heißen und treiben, mit unseren Daten eigentlich anstellen. Die Büchse der Pandora scheint geöffnet, das Einfallstor ökonomischer Manipulation, ganz zu schweigen von organisierter Netzkriminalität, läßt sich kaum mehr schließen. Und so wie sich Extremisten modernster Informations- und Kommunikationstechnologien bedienen, vermögen autoritäre Regime (aber auch sog. Demokratien) ihre renitente (resp. gutgläubige) Bevölkerung um ein leichteres zu bespitzeln. Das Netz erweitert die Möglichkeiten von (Staats-)Terrorismus.

Und dennoch: Am Eingang in die schöne bunte virtuelle (Shopping-)Welt geben wir erst einmal unseren Verstand ab. Das mag sicherlich einer gehörigen Portion Naivität geschuldet sein. Wie soll man es sonst erklären, daß wir – nicht nur in sozialen Netzwerken – seltsam freigebig mit persönlichen Informationen umgehen. Oder ist die Spezies homo sapiens internetiens bloß ein buntes Völkchen eitler Selbstdarsteller? Warum erschaffen wir uns im Netz eine Art von Ideal- bzw. Wunschbild unserer selbst, warum dient uns das Internet gleichsam als virtueller Baukasten unserer multiplen Persönlichkeit? Oder fungiert es nicht vielmehr als Fluchtort vor der rauhen Realität? Oder ist Kommunikation auf herkömmlichen Wege nachhaltig gestört, weshalb alternative Kanäle gesucht werden im Verlangen nach Lob und Anerkennung oder schlichter: sozialem Anschluß, Gemeinschaft, Zweisamkeit? Wohl ist der Mensch ein „zoon politicon“, ein soziales Wesen, dessen Seele ohne Kontakte verkümmert. Online-Partnerbörsen haben darum Hochkonjunktur. Denn je weniger die Leistungsgesellschaft Raum und Zeit läßt für aktive, nicht allein konsumptive Freizeitgestaltung, für ein soziales Miteinander, desto mehr verlagert sich der Akt der Kontaktanbahnung auf unsichtbare Wege. Aber findet denn dort Kommunikation tatsächlich statt? Oder handelt es sich nicht vielmehr um eine Einbahnstraße?

3 Gedanken zu „„Unforgettable, that’s what we are!“

  1. bo4bo

    Liebe/r Rikblaine,

    Dass wir uns, medial gestützt, womöglich selbst vergessen können, nichts aber vergessen wird und dass gerade die Adressierung unserer IKT-Blogs in ein scheinbar horizontloses Niemandsland ergeht – woran auch dieser Kommentar prinzipiell nichts ändert-, finde ich auch bisweilen sehr unheimlich (ganz im Freud’schen Sinn).

    Was zumindest mich dann aber immer wieder wohltuend begrenzt, ist der Gedanke an die IKT-Leistungsnachweis-Rubrik-Kästchen, in denen wir uns alle ja bald wiederfinden werden und unsere Leichen im Netz, von denen Du schreibst, selbst identifizieren können.

    Gefällt mir

    Antwort
  2. bpblogphtg

    Ja! Aus dem Herzen gesprochen!
    Ich selbst habe die Erfahrungen mit dem Internet gemacht, welches meine Gedanken aufsaugt, abspeichert und einlagert:
    ich war 20, jung und unheimlich naiv: da ging eine Freundin von mir ins Ausland und fand die Idee doch super, mit ihren besten Freundinnen (zu denen ich zähle) einen „ganz persönlichen“ Blog im Internet zu einzurichten, über den wir uns sämtliche spannenden Ereignisse die in unserem Leben passierten mitteilen konnten und durch welchen unser gegenseitiges Vermissen gemildert werden sollte. Das taten wir über ein halbes Jahr in voller Ausführlichkeit……Den Blog hatten wir nachdem sie zurück war vergessen, verdrängt, er wurde nicht mehr genutzt. Bis heute – 8 Jahre später. Da kam doch vor einer Woche eine Email einer Bekannten, sie hätte da was im Internet gelesen, es sei sehr privat, so privat, dass sie sich nicht getraut habe, es zu lesen ob wir wüssten, dass die ganze Welt daran teilhaben könnte…….NEIN!!
    und die Moral von der Geschicht: das Internet vergisst bekanntlich nie..der Mensch aber doch!

    Gefällt mir

    Antwort
  3. rdambrosio

    Liebe Lena
    Ach, wie Recht ich dir gebe. Was bewegt Menschen, alles im Internet zu teilen? Ich war und bin noch immer ein riesiger Gegner von Facebook, Twitter, usw. und vestehe nicht, was den anderen interessieren könnte, was ich mache. Ich will so wenig Spuren wie möglich hinterlassen, wie du sagst, nicht zuletzt für neugiere (zukünftige?) Arbeitgeber, die Leichen ausgraben. Auch Schüler finden immer wieder etwas im Internet, Fotos, die ein anderer eingestellt hat, ich aber auf derselben Party war…schon bin ich im Netz. Mein Freundeskreis und Familienkreis wird altmodisch und konserviert sein, nicht über Facebook usw. zu kommunizieren. Aber diese Art von Selbstdarstellung überlasse ich lieber denjenigen, die das „nötig“ haben. Mit diesem provozierenden, aber ernstgemeinten Schusssatz verabschiede ich mich…

    Gefällt mir

    Antwort

e Kommentärle, wenn's beliebt ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s