Verfasst von: LuxOr | 15. Juni 2018

Opium

Na, eigentlich hab ich mir das dann doch weniger problematisch vorgestellt, solch einen WM-Boykott, quasi ohne weitere unmittelbare Konsequenzen für mich und andere. Ohne dass ich jedenfalls gleich zu Beginn zum Schwur gezwungen werde, und das ausgerechnet durch das schwache Geschlecht. Doch der Reihe nach.

Wie dem ein oder der anderen geneigten VerfolgerIn vielleicht erinnerlich, habe ich mich im März aus politischen bzw. persönlichen Gründen, und zwar aus Solidarität mit dem Schicksal einer befreundeten Familie, zu einem Boykott der Fußball-WM in Rußland entschlossen. Der blieb freilich ohne größere Resonanz, was mich dann doch etwas wunderte, aber nun gut, zieh ich halt mein Ding allein durch. Nun ist indes für kommenden Sonntagabend seit einiger Zeit ein Kirchenchor-Auftritt angesetzt, ich verdinge mich nämlich seit Jahren schon als leidenschaftlicher Hobby-Bass-Brummbär. Das Einsingen startet dann für gewöhnlich ca. 18:00h. Doch nun ist alles anders. Denn eine Stunde zuvor wird ja die deutsche WM-Premiere gegen Mexiko angepfiffen. Und da gibt es nun offenbar einige sangestüchtige Damen, die im Vorfeld per Mail an die Chorleitung verkündeten, daß sie unter keinen Umständen das Eröffnungsspiel von Jogis Jungs verpassen wollen. Daher findet das um eine orchestrale Probe erweiterte Einsingen nun bereits um 15:30h statt, damit frau auch ja kein belangloses Experten-Gespräch verpassen möge. Verkehrte Welt also, das schwache Geschlecht erwärmt sich offenbar plötzlich kollektiv für durch-trainierte, über-tätowierte, adrett gestutzte teutonische Männchen, welche, in weiße Leibchen und schwarze Höschen gewandet, in Konkurrenz mit ihren elf grün-weißen Pendants von jenseits des großen Teichs wie irre einem Bällchen hinterdreinjagen.

Auch die Gemeinde ist von dem Fieber voll erfaßt und stellt frühzeitig den Gemeindesaal für das gemeinschaftliche Vorglühen und Einstimmen auf das folgende per Beamer übertragene Gerumpel und Geschiebe zur Verfügung, auf daß man sich im nationalen Schwange vereinen möge im Glauben an den einen Fußball-Gott – Fußball, das neue Opium fürs Volk, die Spaßgesellschaft hält mittlerweile allerorten Einzug. (Wenn ich fairerweise auch zugeben mag, daß es sich – positiv gewendet – schon um ein gemeinschaftsstiftendes Ereignis handelt, welches der Schreiber dieser Zeilen vor vier Jahren durchaus selbst zu genießen wußte. Und gänzlich kalt läßt es mich plötzlich natürlich auch nicht, ich freute mich schon über ein möglichst weites Vorstoßen der Nationalmannschaft im Turnier, zumal ich seit der WM in Spanien fast kein Spiel von uns im TV verpaßt habe. Aber trotzdem, tempora mutantur, … Und von der Gemeinde hätt ich mir heuer eben ein wenig mehr sportpolitische Diskussionsbereitschaft gewünscht.)

Und unsereins wird dann eben gleich auf die Probe gestellt. Mag ich also mein Gelübde nicht bei erstbester Gelegenheit gleich brechen nach dem Motto: was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, werde ich mich nach der Generalprobe eben heimlich, still und leise und ganz dezent vom Ort des profan-ungeistlichen Geschehens entfernen, vielleicht wieder nach Hause fahren (ca. 20 min!) und/oder noch ein Weilchen im Grünen lustwandeln, und dann direkt zur Kirche zurückkehren. Obwohl, ein Abgang mit Radau und Gepolter als Streiter wider den einlullenden, kapitalistischen Anti-Christ hätte auch was … 🙂

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Verfasst von: LuxOr | 5. Juni 2018

Über Zivilisation(en)

Waren die schon viel zu langen zwölf der phantasierten ewigen tausend Jahre denn tatsächlich ein „Zivilisationsbruch„(D. Diner)? Der Firniß der Zivilisation ist dünn. Wo steht denn geschrieben, daß Zivilisation, trotz des berühmten und viel-beschworenen „Zivilisationsprozesses“ (N. Elias), stets progressiv voranschreitet? Und dabei den Menschen zwangsläufig und irreversibel zu einem besseren, weil kooperativ-solidarischen, friedliebenden Wesen macht, der seine atavistischen Affekte unter Kontrolle hält? (Am Ende läuft es jedenfalls auf die Frage nach dem jeweiligen Menschenbild hinaus.) Ist der NS-Verfolgungswahn, der Holocaust nicht vielmehr Vollzug (ein radikaler allerdings) einer ab dem Ende des 18. Jahrhundert etwa ohnehin allerorten in Mode kommenden „Bio-Macht“ (M. Foucault) über das Leben? Ist Auschwitz nicht vielmehr die auf die Spitze getriebene technisch-funktionale Ratio, ein jeder Zivilisation ab einem bestimmten Grad notwendig eingeschrieben und also im Grunde jederzeit und überall wiederholbar? Nicht die Monstrosität unterscheidet also die NS-Verbrechen von ähnlichem Geschehen, von Gewaltexzessen insbesondere im 20. Jh., sondern „einzig“ ihre technische Perfektion. Aber das ist gerade das Signum unseres Zeitalters der Moderne.

HAL

Damals in Berlin, im Jahre 2001, ein früher Sonntagnachmittag, Frühling; ein riesiger, leicht geschwungener Saal, doch fast leer, eine kleine Schar nur verliert sich im weiten Raum, Eingeweihte vielleicht oder auch Novizen, eine riesige Leinwand, die dadurch nochmal so groß wirkt; Richard Straußens Sonnenaufgang („Also sprach Zarathustra“), Affen in Afrika, ein Monolith, ein Knochen, ein Schnitt, das Universum, eine Mission, HAL, das Sternenkind;  keine Ablenkung durch exaltierte, omnipräsente Schauspieler, kaum Dialog, volle Konzentration auf das Geschehen, auf die Geschichte (welche Geschichte?!), auf mannigfaltige Klanglandschaften, auf rasend bunte, phantastische Bilderwelten („Jupiter and Beyond the Infinite“); keine klassische, strukturierte Narration, kein angespanntes Mitfiebern, kein bewußtes Verstehen, bloß sprachloses Staunen, bloß gebanntes Schauen und Lauschen, bloß ahnendes Fühlen, ein unwiderstehlicher Sog, eine Berückung, ein Hineinversinken  – Beyond the Definite: Kubricks 2001: A Space Odyssey!

 

Lindner hatte auf dem FDP-Parteitag eine Anekdote beschrieben, die ihm ein Bekannter mit Migrationshintergrund erzählt habe. Da bestellt jemand beim Bäcker „mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen“ – und die Leute in der Schlange wüssten nicht, „ob das der hoch qualifizierte Entwickler Künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer“, sagte Lindner. Diese Unsicherheit könne Angst auslösen.‘

Ja, kaum zu glauben, aber wahr, Christian Lindner hat seine soziale Ader, sein Herz für Wirtschaftsflüchtlinge entdeckt, für Söldner des Kapitalismus nämlich aus Indien oder woher auch immer, die bei nächstbester Gelegenheit weiterziehen, immer dem Ruf des Geldes folgend. Ja, das ist Liberalismus.

Mir ist es jedenfalls herzlich egal, wer mit welchem Deutsch und welchem Hintergrund und welcher Hautfarbe was auch immer beim Bäcker meines Vertrauens bestellt, lieber Herr L., Hauptsache ist doch, er verhält sich ansonsten anständig und bezahlt das Brötchen. Ersteres aber läßt im Übrigen häufig auch Ihresgleichen vermissen. Was darüber hinaus aber diese verschwurbelte Verknüpfung mit dem Bekannten eigentlich soll? Es scheint nicht jedermann gegeben, klar und eindeutig zu kommunizieren, was er eigentlich möchte, s. o. Derartige Ausflüge mancher Berufspolitiker in die Niederungen des gewöhnlichen Stimmbürgers wirken im besten Falle unfreiwillig komisch und anbiedernd, andernfalls schlichtweg peinlich. Dann doch lieber das Original, möge manch einer da denken.

 

 

Nachtökonomie. Schon mal gehört? Klingt doch irgendwie nach einem Stichwort oder gleich einem ganzen Kapitel aus einer Einführung in die neoliberale Betriebswirtschaftslehre für jung-dynamische und spaß-orientierte Berufssöhne und –Töchter. Doch weit gefehlt: dieses Unwort – nun soll also auch die eigentlich der Ruhe vorbehaltene Nacht einer radikalen Durchökonomisierung unterworfen werden – führt Monika Stein im Munde. Ihres Zeichens sich links gebende, grün-dissidente Kandidatin zur OB-Wahl in meiner Heimatstadt Freiburg i. Br., wo es heute ins Stechen geht zwischen ihr, dem grün-konservativen Amtsinhaber Dieter Salomon und dem Überraschungssieger aus der ersten Runde, dem von SPD und FDP unterstützten Martin Horn.

Zunächst läßt sich fragen, ob denn die Konzeption eines wie auch immer integrierten Nachtlebens – das nämlich mag wohl der Begriff der Nachtökonomie besagen – eigentlich zu den Kernaufgaben einer Stadtverwaltung gehört. Zumal in Zeiten knappen Wohnraums, teils maroder Infrastruktur und sozialer Brennpunktbildung. Sinnvoll wäre ein solches Konzept in der Tat dann, wenn es zu einer Dezentralisierung des Nachtlebens beitrüge und mithin der Beruhigung der am meisten betroffenen Viertel der Innen- und Altstadt, namentlich des sogenannten Bermuda-Dreiecks, diente. Doch wird hier eher der Versuch unternommen, die Haupt-Leidtragenden,  vor allem auch alteingesessene Anwohner, gegen allzu vergnügungssüchtige, in Vororte zugereiste Studenten auszuspielen, wenn das Nachtleben einseitig als Standortfaktor betrachtet wird. Die Bewohner der Innenstadt, ihre Lebensqualität im nächtlichen Alltag sollen mithin zugunsten sprudelnder Steuereinnahmen der restlichen Stadtgemeinde im Namen des Vergnügungs-Kommerz zum Opfer dargebracht werden, dessen Haupt-Anhänger in verkehrsberuhigten und friedhofsseligen Vierteln ihre selbstgefällige, öko-alternative Salon-Attitüde ausleben. Derweil die Innenstadt (gewollt?) zum rechtsfreien Raum mit Müllhalde mutiert. Liebe Frau Stein und all die anderen Lifestyle-Freiburger, wissen Sie was, ich rufe Sie bei Gelegenheit samstags- oder sonntagsfrüh an, oder auch werktags, sollte es Ihnen da besser passen, lade Sie ein zu meinem Elternhaus in das besagte Bermuda-Dreieck, drücke Ihnen Eimer und Lappen in die Hand und dann putzen Sie mal gern die urinierten und erbrochenen Resultate Ihrer Nachtökonomie aus den Hauseingängen weg. Sie müssen dann bloß entschuldigen, daß ich unter Umständen etwas überreizt sein werde, qua Schlafmangel, denn Ihre ach so geschätzten Kneipiers halten sich nicht an die schon großzügigen Polizeistunden; stattdessen bewirten und beschallen sie Ihre/ihre ach so gehätschelte (nicht allein studentische) Kundschaft bis weit in die frühen Morgenstunden hinein auf den Freisitzen, bei weit geöffneten Fenstern und Türen, teils auch mit nicht zugelassenen Außenlautsprechern, und das sommers wie winters, sieben Tage die Woche. Und ohne daß es diese Stadtverwaltung je kümmerte. Freiburg, Du Verlogene!

 

Frau Steins Programmpunkt „Nachtleben“ im Wortlaut:

Nachtleben

In Freiburg gibt es viele junge Menschen, die hier aufgewachsen oder als Studierende und Arbeitnehmer*innen hierher gezogen sind – und auch viele nicht mehr ganz so junge Menschen, die Wert auf ein lebendiges Nachtleben legen. Dabei gibt es Interessenkonflikte, die durch die Politik nicht verleugnet werden dürfen, sondern die die Politik versuchen muss auszugleichen. Daher wird es mit mir als Oberbürgermeisterin folgendes geben:

  1. Ein Clubkonzept für die Innenstadt
  2. Räume für die Musikszene und die freie Kunstszene
  3. Nachtökonomie als Standortfaktor

Das Freiburger Nachtleben befindet sich einer Krise. In den letzten Jahren mussten mehr Clubs schließen als neue eröffneten. Der schwindende Raum sorgt dafür, dass viele Veranstalter Party- und Konzertreihen kaum noch aufrechterhalten können. Die stadtprägende Vielfalt der Szene ist davon stark bedroht.

Die Freiburger Innenstadt ist das pulsierende Herz Freiburgs. Das Nachtleben dort hat in den letzten Jahren gelitten. Kellerclubs, kleine Kneipen, aber auch größere Clubs, öffentliche Plätze für Nachtschwärmer*innen, das Stadttheater bilden die lebensnotwendige Arterie. Freiburger Bürger*innen, Tourist*innen und auch viele aus dem Umland schätzen die Stadt dafür. Ich will das erhalten.

Fehlende Räume treffen jedoch nicht nur die Partygänger*innen und Organisator*innen, sondern auch Musiker*innen jeglicher Musikstile. Freiburg hat eine große Anzahl praktizierender Bands, Musikensembles und auch Einzelkünstler*innen. Diese benötigen Proberäume, um ihrer Kreativität freien Lauf lassen zu können. Seit dem Wegfall des alten Güterbahnhofsgeländes, einem Ort, an dem die Mehrzahl der Proberäume in Freiburg beheimatet war, hat sich die Situation nochmals verschärft. Damit die Kreativen unserer Stadt ihr Potential ausschöpfen können, werde ich mich dafür einsetzen, dass die Stadt sich des Raumproblems intensiver annimmt. Im Moment plant die FWTM ein Musiker*innenhaus, aber der Gemeinderat hat seine Zustimmung noch nicht gegeben. Für diese werde ich kämpfen, denn ein solches Haus ist ein erster wichtiger Schritt zur Lösung der Problematik.

Auch die freie Kunstszene hat Raumprobleme. Nachwuchskünstler*innen sind auf Ateliersuche und finden oft keine Orte, um ihre Kunst einer geneigten Öffentlichkeit vorzustellen.

Ein weiterer Baustein für mehr Räume für all diese verschiedenen Aktivist*innen, welche einen großartigen Beitrag leisten, diese Stadt so lebendig, bunt und kreativ zu gestalten, kann ein kommunales Zwischennutzungskonzept sein.

Nachtleben und Nachtökonomie werden in Teilen der Bevölkerung und auch der Stadtverwaltung als etwas Störendes wahrgenommen. Ein erhöhter Geräuschpegel, Müll und Alkohol gehören zum Nachtleben, und ich kann verstehen, dass dies zu Konflikten führt, besonders in der bewohnten Innenstadt. Doch bei den Debatten darf man nicht vergessen, dass Nachtleben und Nachtökonomie neben einer kulturellen Bereicherung auch ein Standortfaktor sind. Gerade eine Stadt wie Freiburg, die nicht von großer Industrie lebt, sondern deren ökonomische Stärke mit der Universität verknüpft ist, braucht genau diesen Standortfaktor. Eine Universität lebt davon, dass junge Erwachsene sich für ein Studium in Freiburg entscheiden. Für diese Bevölkerungsgruppe ist ein lebendiges und vielfältiges Nachtleben ein Faktor für eine solche Entscheidung.

Kurz gesagt: Freiburg profitiert von einem lebendigen Nachtleben. Ich werde mich darum kümmern, dass dieses durch kommunale Maßnahmen wieder Fahrt aufnimmt und dass die Nutzungskonflikte des öffentlichen Raumes offensiv angegangen und nicht verleugnet werden.

Zu den konkreten Maßnahmen, die ich ergreifen werde, gehören die Erarbeitung eines Clubkonzepts und die unkompliziertere Vergabe von Clublizenzen sowie die Einrichtung einer Breitenförderung der Sub- und Clubkultur und die Erarbeitung eines Nachtlebenkonzepts. Der schnelle Aufbau des Musiker*innenhauses mit weitere Proberäumen kann ebenso Raum für kulturelle Nutzung schaffen wie die Erstellung eines kommunalen Zwischennutzungskonzepts.

Das Amt für öffentliche Ordnung wird unter meiner Führung ein Partner und nicht Verhinderer der Veranstalter*innen in Freiburg. Konkret: Der jetzige Amtsleiter Herr Rubsamen ist eine Fehlbesetzung durch den amtierenden Oberbürgermeister Salomon, und diese muss schleunigst korrigiert werden.

Verfasst von: LuxOr | 5. Mai 2018

Vergiftetes Mitleid

Wer Sportsfreunde hat, braucht keine Feinde! So scheint es jedenfalls, betrachtet man Andi Köpkes vorgebliche Parteinahme zugunsten Sven Ulreichs anläßlich dessen unglücklichen Rettungsversuchs gegen Karim Benzema im CL-Semifinalrückspiel der Münchner Bayern gegen die königlichen Madrilenen am vergangenen Dienstag etwas genauer: „Ulreich hat vorher gut gehalten. Deshalb tut er mir auch leid“. Ja wie, ja was? Wäre er vorher mit weniger Fortune oder Können zwischen den Pfosten gestanden, könnte man kein Mitleid mit ihm empfinden? Und was soll uns denn das kleine Wörtchen „auch“ hier eigentlich sagen? Daß sich der Sprecher neben Häme und Spott a u c h zu etwas Mitleiden aufraffen kann? Köpke fährt dann fort: „Bei der Bewältigung dieser Szene kann dir keiner helfen. Das musst du für dich ausmachen.“ In der Tat, der arme Tormann sitzt gleich nach dem Schlußpfiff einsam und verlassen an den Pfosten gelehnt auf dem Rasen (Kapitän Thomas Müller versucht ihn später allerdings in Schutz zu nehmen). Unmittelbar danach bricht dann der Sturm los. Und auch der vermeintlich wohlmeinende Köpke kann es nicht unterlassen, zuvor nochmals dreinzuschlagen, denn es fällt der ominöse, völlig überflüssige Satz: „Das Bayern-Ausscheiden wird man immer mit ihm verbinden.“ Daß sich Köpke „sicher“ ist, „er (S. Ulreich) wird das schaffen“ und also über das Geschehene hinwegkommen, klingt vor diesem Hintergrund auch eher süffisant. Wahre Anteilnahme, echtes Mitgefühl sieht wohl etwas anders aus. Denn wer sagt uns im Übrigen, daß die Bayern andernfalls sicher noch ein zweites und drittes Tor hätten erzielen können und Madrid gleichzeitig leer ausgegangen wäre? Schon beim Ausgleich schlief nämlich die Münchner Abwehr bei Flanke und Kopfstoß gewaltig. Der mehr als dämliche Rückpass von Correntin Tolisso, welcher den armen Schlußmann ja erst in die Bredouille gebracht hat, wird dagegen kaum kritisiert. Das Ausscheiden nun also auf ewig mit einem einzigen Mann zu verbinden, einem einzigen unglücklichen Schritt anzulasten, zeugt nur mal wieder von einem von zu viel Geld korrumpierten, übersteigerten, sozialdarwinistischen Leistungsdenken im Millionenspiel. Si tacuisses …

Verfasst von: LuxOr | 1. Mai 2018

Die eigentliche Kunst

  • Original: Mari Boine – Vuoi Vuoi Mu (Idjagieðas / In The Hand Of The Night; EmArcy/Universal Music, Germany, 2006)
  • Remix: Mari Boine ‎– Vuoi Vuoi Me (Henrik Schwarz Remix) (Universal Music Group, Germany, 2007)

 

 

Beim Wiederhören gerade kam mir auf einmal der Gedanke, welch genialer Remix das doch eigentlich ist. Denn es gelingt dem Künstler, seine Interpretation nicht unbedingt als solche erkennen zu lassen, auch wenn einem das Ausgangsmaterial bekannt sein sollte. Das mag wohl auch letzterens spröder Archaik geschuldet sein, die eine Bearbeitung eventuell erleichtert. Einen freilich auch grandios scheitern lassen kann. Aber der Produzent hier vermag ein Stück zu gestalten, welches sich einerseits beinah organisch um das Original herumschmiegt, eine kongeniale Mischung gleichsam aus Ruhe und Bewegung, (vermeintlicher!) Tradition und Moderne, Simplizität und Komplexität. Zugleich kreiert er aber eine Komposition von ganz eigenem Rang, erschafft quasi ein neues Original. Und diese spannende Synthese ist die eigentliche Kunst. Just listening and enjoying!

Verfasst von: LuxOr | 29. April 2018

Kognitivismus, angewandt auf Gehote …

Vollmond © Brigitte.de

 

Nhact ist sochn hireensegenkun,

Scheißlt scih hilieg Stren an Stren,

Gßore Lechtir, kielne Fenkun

Gritzeln nah und gleznän fren;

 

Gritzeln heir im See scih speilengd,

gleznän doebrn krelar Nhact,

Teistfen Rheuns Gülck beseilengd

Hrerscht des Mednos vlole Phract.

 

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 1832. 1. Akt, Szene: Anmutige Gegend, Chor.

 

Verfasst von: LuxOr | 24. April 2018

Wandel im Wandel

Wandel Eins:

„We are a part of a loud minority and as such, we are  a part of those concerned with change“!!!

Verfasst von: LuxOr | 16. April 2018

Wenn die Tagesschau Geschichte macht …

15.04.2018, Sonntagabend, ARD, prime time, die Tagesschau, ca. 20:09h: Sprecher Thorsten Schröder berichtet über eine Gedenkveranstaltung anläßlich der Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor nunmehr dreiundsiebzig Jahren. Dabei sagt er einen nachgerade merk-würdigen Satz: „Dort kamen während der NS-Zeit mindestens 52.000 Menschen zu Tode …“ Ach wie niedlich, zu Tode kommen, wie herrlich unbestimmt! Schwappte da vielleicht tragischerweise ein Tsunami von der Nordsee bis in die niedersächsische Tiefebene hinein und riß Tausende in den Tod? Oder irgendwelche andere Naturkatastrophen brachen über die bemitleidenswerten Insassen herein? Welch namenloses Schicksal kam da denn über die Opfer, welch tödlicher Zufall? Irgendwelche Täter, irgendwelche Verantwortliche? Iwo!  – Mitnichten, ERMORDET wurden sie! Und zwar VON DEUTSCHEN, muß es heißen, Herr Schröder, wir wollen die Wahrheit schon beim Namen nennen! (Bewußt wird hier frelich der bestimmte Artikel Dativ Plural „den“ nicht verwendet und auch nicht bloß von den sonst üblichen „Nazis“ gesprochen, denn wir sind ja trotzdem um Differenzierung bemüht …). Man fühlt sich jedenfalls sogleich an den berühmt-berüchtigten Aussetzer der Eva Herman erinnert, welche vor Jahren an gleicher Stelle  Dachau als das „erste von Amerikanern (!) auf deutschem Boden (!) errichtete (!!!) Konzentrationslager(!)“ bezeichnete. Was ist das nun: ein einmaliger, zwar fataler, gleichwohl im Grunde auch läßlicher Ausrutscher, oder spricht aus dieser Äußerung doch eher Ignoranz, Geschichtsvergessenheit, blanker Zynismus, Revisionismus, die neue öffentlich-rechtliche Geschichtspolitik gar? Liest denn da kein Redakteur mit etwas historischem Sachverstand, mit Sprachgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegen? Es ist jedenfalls Wasser auf die Mühlen der Kubitscheks, Pegidalichen, Jung-Freiheitlichen, AfDler, Reichsbürger, Echo-Antisemiten und aller anderen verbohrt Deutschtümelnden. Und als betroffener Beobachter fragst Du Dich dann bisweilen doch: Deutschland wohin?

PS, 23.04.2018: Worin die folgenden Zahlen ihre Basis haben, entzieht sich meiner Kenntnis, ich halte sie aber leider für realistisch – und also äußerst bedenklich! Es fügt sich jedenfalls in das obig beschriebene Gesamtbild.

„Was ist mit denjenigen Bundesbürgern, immerhin sechs Prozent der Gesamtbevölkerung, die einem geschlossenen antisemitischen Weltbild anhängen? Was mit den 20 Prozent, die für einen Schlussstrich eintreten?“

 

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