Auf der Suche nach der Sinnlichkeit

Sinnlichkeit! Ach wo bist Du bloß geblieben? Ich bin groß geworden mit sinnlichen Erfahrungen, die den Schülern von heute meist schlichtweg abgehen. Wer einmal hektographierte Blätter in Händen hielt, noch warm und beseelt von jenem leicht benebelnden Geruch von Druckerschwärze,  weiß vielleicht, wovon ich spreche, äh schreibe. Die Qualität ließ eindeutig zu wünschen übrig, die Lettern erschienen im Ausdruck doch eher verwaschen-undeutlich. Aber machte nicht diese Uneindeutigkeit gerade einen Teil des gewissen Charmes aus? Auf eigentümliche Weise verströmte solch ein Bladl Papier das pralle Leben, in nichts zu vergleichen mit der sterilen Kopienflut heutiger Blätterwirtschaft.

Eine Parallele erblicken wir bspw. in der Welt der Homepages und Websites. Diese setzen allzu häufig auf den überwältigenden Special Effect, anstatt mit noblem Understatement Augen und Ohren anzusprechen. Durch die ständige immense Reizüberflutung in unserem Alltag ist uns die sinnliche (audiovisuelle) Erfahrung abhanden gekommen. Tempo, Schlagzahl, Grelligkeit, Lautstärke, Dummdeutsch, Denglisch bestimmen die Agenda. Die Unverwechselbarkeit ist einer rigiden (Kultur-)Gleichmacherei gewichen, es regiert der Formatismus, die stromlinienförmige Beliebigkeit.

Dieses Faktums werden wir auch an anderer Stelle der technologischen Revolution gewahr: Die SMS- wie überhaupt die ganze Handy-Kommunikation. Mal ganz abgesehen von solch sinnfreien Anrufen, wie: „Schatz, hol’ schon mal das Bier aus dem Kühlschrank, ich bin in fünf Minuten da!“; Im schieren Bestreben nach Vergnügungs-Maximierung nach dem Lustprinzip, man könnte etwas besseres, ja das ultimative Mega-Event verpassen, halten wir uns in einer indefiniten Schwebe lieber bedeckt, geben nur ja keine allzu frühe Zusage – und finden in Handy resp. SMS das perfekte Medium unserer Unverbindlichkeit. Wir sind zu unzuverlässigen Spaßrobotern mutiert.

Letztlich bleibt damit das gesellschaftliche Engagement auf der Strecke, wie der weißrussische Politikwissenschaftler Evgeny Morozov in einem „skeptischen Dialog“ mit dem Medienwissenschaftler Clay Shirky (FAS, 11.04.’10) ernüchtert konstatiert. Wo ein billiger Reiz allein an der Oberfläche angreift, die Relevanz indes sich im Dunklen verliert sowie ein Mangel an sinnlicher Erfahrung (auditiv, visuell, gustatorisch, olfaktorisch, taktil) keine tiefere Identifikation und Verbundenheit mit einer Sache ermöglicht, sind wir rasch gewillt, unsere Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeit? Daß ich nicht lache! ADS lautet häufig die Diagnose …) auf andere Dinge zu lenken. Je mehr blood, sweat and tears, desto besser …

Ein Gedanke zu „Auf der Suche nach der Sinnlichkeit

  1. bo4bo

    Lieber Rikblaine,

    Polemiken scheren sich nicht darum, ob sie im einzelnen widerlegt werden können. Sie wollen in ihrem provokativen Schwung wahr-genommen werden und anstoßen. Mir ist also durchaus bewusst, dass mein Kommentar die Zielrichtung Deines Blog-Schreibens, das ich seit Beginn unseres IKT-Seminars mit Vergnügen verfolge, von vorneherein verfehlt.

    Nicht zuletzt unserer IKT-Blog-Vorgaben wegen (Du weißt: Kommentieren) erlaube ich mir aber trotzdem, etwas hinzuzufügen:
    Der von Dir konstatierte Verlust von Sinnlichkeit (und Sinn), den Du an die neuen Medien knüpftst, ist ein Vorwurf, der so ziemlich jedes (neue) Medium schon traf (beginnend mit der Schrift). Nicht der Mangel an Erfahrung scheint mir das Ausschlaggebende zu sein, sondern die infragestehende „Andersartigkeit“ der Erfahrung, die sich meiner Meinung nach eben gerade nicht im „Spaß“ erschöpft. Ich denke da eher an („neo-liberale“) Optimierungstechniken des Selbst. Naja, es wäre schön gewesen, im Seminar mehr diskutieren zu können….

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