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Verstummt.

Die Tage in meiner alten Heimat gewesen. Unter dem Eindruck der beginnenden Vergeisterstädterung. Ein ungewohnter, gar beklemmender Anblick. Dort nämlich, wo man an einem gewöhnlichen Werktag um die Mittagszeit ein geschäftiges Treiben antrifft wie auf einem Wimmelbild eines holländischen Meisters, herrschte nun eine beunruhigende Verlassenheit und Leere, beinahe einem Sonntagvormittag gleich.

Dem kann man einerseits durchaus etwas Positives abgewinnen. Die Kneipen und Schnell-Restaurants rund um mein Elternhaus sind mittlerweile alle dicht gemacht. Die hartnäckigen, beißenden Duftschwaden einer unheiligen Kombination aus verbranntem Fett, GeDönere und GeBratwürstl wichen einer frühlingshaften Frische. Einzug hielt zudem eine ungekannte Ruhe, beschallte uns doch niemand mehr mit stampfenden Bässen aus nächster Nähe von Mittag an bis weit nach Mitternacht. Nur das andächtige Zwitschern von Amsel und Spatz war noch zu vernehmen …

Doch irgendetwas an diesem überraschenden Idyll störte. Oder genauer, es fehlte mir eine Zutat, welche mich zwar schon manches Mal jäh aus dem Schlaf gerissen hatte. Die ich jedoch gerade in dieser Zeit der kollektiven Verunsicherung schmerzlich vermisste. Die Rede ist vom Glockengeläut unseres Münsters zur lieben Frau, welches normalerweise werktags kurz vor Sieben Uhr und dann nochmals vor Neun zum Gottesdienst einlädt. Zuvor läuten die Glocken bereits um Sechs den Tag ein. Im Ausnahmezustand der Corona-Pandemie untersagte der Staat freilich den Religionsgemeinschaften das öffentliche Feiern von Gottesdiensten. Eine Maßnahme, welche dem Schreiber dieser Zeilen zwar schon etwas Bauchgrimmen verursachte, die er andererseits aber angesichts der Lage auch akzeptieren konnte.

Wie nun also die Messfeiern auf höheres Geheiß hin einzustellen waren, ließ allerdings zumindest die Münster-Gemeinde auch ihr Glockengeläut verstummen. Was bei mir nun wiederum doch auf Unverständnis stieß. Klar, es findet zu der angegebenen Zeit nun keine Messe statt, zu der man rufen könnte. Aber lässt die Kirche mit diesem ihrem Verstummen nicht gerade ihre Gläubigen im Stich, wenn ihnen nun nicht einmal ein bewegendes Glockenspiel mehr Halt und Trost und Beistand verkündet? Kommt dies nicht beinah einer Kapitulation gleich, einem symbolischen Zurückweichen vor der Not des Alltags, einer Entweltlichung der Kirche gar oder einer letzten Entzauberung der Welt?

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Photographie © LuxOr