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Die neue Normalität des Nachtlebens?

Das ist die Zukunft, werte Freidemokraten oder Bündnisgrüne oder Linke. Es bedarf keiner politischen Haltung mehr, welche man bei einer solchen Klientel wohl ohnehin vergeblich suchen dürfte (oder sollte es sich hierbei etwa um kritische Zukunftsbesorgte handeln, um Jobbange oder Klimabewegte, die sich ihren Frust im Kollektiv wegnebeln?), um Randale zu feiern. Nein, die Ausschreitungen in Stuttgart Samstagnacht sind schlichtweg Selbstzweck, die Party im Quadrat gleichsam. Ausgelöst wurde sie offenbar durch eine Drogenkontrolle und nachfolgende Festnahme. (Über deren genauen Hergang ist dem Schreiber dieser Zeilen nichts Näheres bekannt. Alsbald werden aber eventuell mehrere alternative Versionen darüber in Umlauf kommen. Vielleicht ist auch alles medial aufgebauscht. Das Geschehen als solches ist auch – leider, muß man sagen – wohl nicht ungewöhnlich, neu ist anscheinend bloß das Ausmaß und die hohe Zahl an Beteiligten. Alle deutschalternative und andere Rechtsausleger seien jedenfalls daran erinnert: der Drogenkontrollierte ist Deutscher. Und der mutmaßliche Totschläger ebenfalls, gerade 16 Jahre alt.) Allein dies war der Funke, eine bis dahin lärmend wegelagernde Menge Volkes urplötzlich in eine schließlich in die mittlere Hunderte gehende marodierende Meute zu verwandeln, die, befreit von jeglichen Hemmungen, begeistert ihre (post-)pubertäre Plünderungsparty durch die Stuttgarter Innenstadt massenneuemedienwirksam zu zelebrieren gewillt war. Denn endlich ist mal was geboten!

Dasselbe Schema läßt sich schon bei Videospielereien beobachten. Der Gewöhnungseffekt stellt sich bald ein. Weshalb es unsere Psyche stets nach Steigerung der Sensationen gelüstet. Je extremo-oller, desto doller. Vielleicht haben die Eltern der nun u. a. wegen versuchten Totschlags in U-Haft Sitzenden es schlichtweg versäumt, ihren Sprößlingen beizeiten aus (Bilder-)Büchern vorzulesen. Stattdessen dürften sie den lästigen Nachwuchs von Kindesbeinen an vor der Mattscheibe vermeintlich ruhiggestellt und alsbald mit Video-Spielen bestochen haben. Oder auch die Nachkommenschaft je eher, desto besser sich selbst überlassen haben. Denn die eigene zur Schau gestellte grenzenlose Liberalität ist nur das Feigenblatt der Verweigerung, Konflikte anzunehmen und sich selbst zu engagieren und Verantwortung zu tragen. Aber vielleicht haben sie selbst in ihrer Kindheit auch nichts anderes erfahren als gehetzte abwesende Eltern, die nach der vorgegebenen materiellen Erfüllung des Lebens sucht-en. Und Stadtverwaltungen schauen häufig auch lieber weg angesichts des Treibens, das sich des Nachts wochenends bzw. zu Ferienzeiten auf öffentlichen Plätzen abspielt. Man will ja schließlich hip und offen und modern und lebensfroh scheinen. Und lassen morgens dann lieber die müllenen Zeugen des nächtlichen Fastfood- und Alkohol-Konsumgelages aufwendig entsorgen. Denn die lieben Kleinen müssen doch feiern. Endemisches Erziehungsversagen also.