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Opium

Na, eigentlich hab ich mir das dann doch weniger problematisch vorgestellt, solch einen WM-Boykott, quasi ohne weitere unmittelbare Konsequenzen für mich und andere. Ohne dass ich jedenfalls gleich zu Beginn zum Schwur gezwungen werde, und das ausgerechnet durch das schwache Geschlecht. Doch der Reihe nach.

Wie dem ein oder der anderen geneigten VerfolgerIn vielleicht erinnerlich, habe ich mich im März aus politischen bzw. persönlichen Gründen, und zwar aus Solidarität mit dem Schicksal einer befreundeten Familie, zu einem Boykott der Fußball-WM in Rußland entschlossen. Der blieb freilich ohne größere Resonanz, was mich dann doch etwas wunderte, aber nun gut, zieh ich halt mein Ding allein durch. Nun ist indes für kommenden Sonntagabend seit einiger Zeit ein Kirchenchor-Auftritt angesetzt, ich verdinge mich nämlich seit Jahren schon als leidenschaftlicher Hobby-Bass-Brummbär. Das Einsingen startet dann für gewöhnlich ca. 18:00h. Doch nun ist alles anders. Denn eine Stunde zuvor wird ja die deutsche WM-Premiere gegen Mexiko angepfiffen. Und da gibt es nun offenbar einige sangestüchtige Damen, die im Vorfeld per Mail an die Chorleitung verkündeten, daß sie unter keinen Umständen das Eröffnungsspiel von Jogis Jungs verpassen wollen. Daher findet das um eine orchestrale Probe erweiterte Einsingen nun bereits um 15:30h statt, damit frau auch ja kein belangloses Experten-Gespräch verpassen möge. Verkehrte Welt also, das schwache Geschlecht erwärmt sich offenbar plötzlich kollektiv für durch-trainierte, über-tätowierte, adrett gestutzte teutonische Männchen, welche, in weiße Leibchen und schwarze Höschen gewandet, in Konkurrenz mit ihren elf grün-weißen Pendants von jenseits des großen Teichs wie irre einem Bällchen hinterdreinjagen.

Auch die Gemeinde ist von dem Fieber voll erfaßt und stellt frühzeitig den Gemeindesaal für das gemeinschaftliche Vorglühen und Einstimmen auf das folgende per Beamer übertragene Gerumpel und Geschiebe zur Verfügung, auf daß man sich im nationalen Schwange vereinen möge im Glauben an den einen Fußball-Gott – Fußball, das neue Opium fürs Volk, die Spaßgesellschaft hält mittlerweile allerorten Einzug. (Wenn ich fairerweise auch zugeben mag, daß es sich – positiv gewendet – schon um ein gemeinschaftsstiftendes Ereignis handelt, welches der Schreiber dieser Zeilen vor vier Jahren durchaus selbst zu genießen wußte. Und gänzlich kalt läßt es mich plötzlich natürlich auch nicht, ich freute mich schon über ein möglichst weites Vorstoßen der Nationalmannschaft im Turnier, zumal ich seit der WM in Spanien fast kein Spiel von uns im TV verpaßt habe. Aber trotzdem, tempora mutantur, … Und von der Gemeinde hätt ich mir heuer eben ein wenig mehr sportpolitische Diskussionsbereitschaft gewünscht.)

Und unsereins wird dann eben gleich auf die Probe gestellt. Mag ich also mein Gelübde nicht bei erstbester Gelegenheit gleich brechen nach dem Motto: was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, werde ich mich nach der Generalprobe eben heimlich, still und leise und ganz dezent vom Ort des profan-ungeistlichen Geschehens entfernen, vielleicht wieder nach Hause fahren (ca. 20 min!) und/oder noch ein Weilchen im Grünen lustwandeln, und dann direkt zur Kirche zurückkehren. Obwohl, ein Abgang mit Radau und Gepolter als Streiter wider den einlullenden, kapitalistischen Anti-Christ hätte auch was … 🙂