Archiv der Kategorie: Geschichte

ganz schön lings …

oder eine kleine Wortgeschichte

Wie ich kürzlich noch in meiner vergangenen Schönliteratur las, noch dazu eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, stieß ich auf ein gar hübsches Adverb namens „rittlings“, was so viel wie: „In der Haltung, wie ein Reiter auf dem Pferd sitzt“, also bspw. auf einem Stuhl, bedeutet. Was mir aber durchaus schon bekannt war. Insbesondere „rittlings“ klingt dabei irgendwie lustig-verspielt, da es mich lautlich doch sehr an „Ribbling“, die alemannische Bezeichnung für „Murmel“, erinnert (Und damit oute ich mich auch, daß ich aus dem alemannischen Sprachraum stamme und zumindest mit einem deutlich vernehmbaren südwestdeutschen Akzent schwätze tu). Und dann reimt sich „-lings“ auch noch so hübsch auf „Dings“.

Aber wie dem auch sei, unweigerlich fragte ich mich, wie viele dieser Wörter mit ebendiesem außergewöhnlichen Suffix „-lings“ mir denn überhaupt einfallen würden. Also flugs mal meine grauen Zellen angeregt und angestrengt nachgedacht und siehe da, einige Vertreter dieser Klasse tauchten tatsächlich aus den Tiefen meines mentalen Lexikons auf, als da wären eben „rittlings“, dann „bäuchlings“ oder „blindlings“, schließlich noch „jählings“ und „hählings“*. Aber konnte das wirklich alles gewesen sein, sollten bloß so wenige linge Adverbien existieren? Und was soll -lings denn überhaupt bezeichnen und worauf läßt es sich überhaupt zurückführen. Nun wollte ich es also genauer wissen und konsultierte das Netz. Der Duden Online brachte keine große Erleuchtung. Darum sogleich das DWDS aufgerufen, wohinter sich das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache verbirgt. Die erste Adresse, wer der Etymologie eines Begriffes auf den Grund gehen möchte. Und siehe da, dorten wurde ich dann fündig.

„-lings“ sei im hochdeutschen Sprachgebiet seit Anfang des 15. Jh. belegt und eventuell unter Einfluß der niederdeutschen Sprache entstanden, das -s- sei dabei erstarrten Genitiven zu verdanken. Doch bereits im Mittelhochdeutschen (-lingen, bspw. vinsterlingen ‘im Finstern’) und sogar im Althochdeutschen (-lingūn, -lingon, z. B. stuzzelingūn ‘planlos’) ließen sich Vorformen nachweisen. Unsere Adverbialsuffixe gingen anscheinend auf nominale Flexionsformen zurück. Und waren noch zu Anfang des Neuhochdeutschen sowie in den Mundarten „recht produktiv“. Heute sind indes bloß wenige dieser Ableitungen noch gebräuchlich – und noch dazu leider ziemlich selten; so führt das DWDS eine sehr übersichtliche Liste auf:

 

blindlings

 

bäuchlings

 

hählings*

*regional schwäbisch, Nebenform zu hälingen

häuptlings

 

jählings

 

knielings

 

kopflings / köpflings

 

meuchlings

 

rittlings

 

rücklings

 

seitlings

 

sträcklings

 

vorlings

 

 

 Es überwiegen also Richtungsangaben in Verbindung mit der Nennung von Körperteilen. (Und die Modalität einer Handlung.) Dabei wäre freilich noch an andere Varianten zu denken, so bspw. händlings: „Händlings schlitterte er über das Eise.“.  Oder auch hüftlings: „Ausgelassen stieß sie ihn hüftlings an.“ Unter diese Kategorie einzuordnen ist schließlich noch mein persönlicher Favorit, den ich mir bis zuletzt aufgespart habe, da sich ein jeder gerade auch zu den jecken Tagen sicherlich lebhaft eine alberne Situation vorstellen kann „mit dem Hinterteil voran“   – oder eben ä r s c h l i n g s … 😊

 

Des Lebens Spuren

„(…) Gleichzeitig schlug Frau Mees mit dem Löffel an die Kaffeetasse und befahl uns, unseren Geldbeitrag zum Kaffee in den Zwiebelmusterteller zu werfen, den sie gerade mit ihrer Lieblingsschülerin um die Tische herumschickte. Genauso flink und beherzt hatte sie später für die von den Nazis verpönte Bekenntniskirche gesammelt, wo sie, an solche Ämter gewöhnt, zuletzt Kassiererin geworden war. Kein ungefährliches Amt, aber sie hatte ebenso frisch und natürlich das Scherflein gesammelt.  Die Lieblingsschülerin Gerda klapperte heute lustig mit dem Sammelteller und trug ihn dann zur Wirtin. Gerda war, ohne schön zu sein, einnehmend und gewandt, mit einem stutenartigen Schädel, mit grobem, zottigem Haar, staken Zähnen und schönen braunen, ebenfalls pferdeartigen, treuen und sanft gewölbten Augen. Sie jagte gleich darauf von der Wirtin zurück – auch darin glich sie einem Pferdchen, daß sie immer im Galopp war -, um die Erlaubnis zu erbitten, sich von der Klasse zu sondern und das nächste Schiff benutzen zu dürfen. Sie hatte im Gasthaus erfahren, daß das Kind der Besitzerin schwer erkrankt war. Da zu seiner Pflege sonst niemand da war, wollte Gerda die Kranke besorgen. Fräulein Mees beschwichtigte alle Einwände von Fräulein Sichel, und Gerda galoppierte zu ihrer Krankenpflege wie zu einem Fest. Sie war zur Krankenpflege und Menschenliebe geboren, zum Beruf einer Lehrerin in einem aus dem Bestand der Welt fast verschwundenen Sinn, als sei sie auserlesen, überall Kinder zu suchen, denen sie vonnöten war, und sie entdeckte auch immer und überall Hilfsbedürftige. Wenn auch ihr Leben zuletzt unbeachtet und sinnlos endete, so war darin doch nichts / verloren, nicht die bescheidenste ihrer Hilfeleistungen. Ihr Leben selbst war leichter vertilgbar als die Spuren ihres Lebens, die im Gedächtnis von vielen sind, denen sie einmal zufällig geholfen hat. Wer aber war denn zur Stelle, ihr selbst zu helfen, als ihr eigener Mann, gegen ihr Verbot und ihre Drohung, die Hakenkreuzfahne, wie es der neue Staat befahl, zum Ersten Mai heraushängte, weil man ihm sonst die Stelle gekündigt hätte?  Niemand war da, um sie rechtzeitig zu beruhigen, als sie, vom Markt heimlaufend, die schauerlich geflaggte Wohnung erblickte, voll Scham und Verzweiflung hinaufstürzte und den Gashahn aufdrehte. Niemand stand ihr bei. Sie blieb in diesen Stunden hoffnungslos allein, wie vielen sie selbst auch beigestanden hatte.“


Anna Seghers, der Ausflug der toten Mädchen (ENT 1943/44, EV 1946), in dies.: Die Heimkehr des verlorenen Volkes. Ein Lesebuch. Hrsg. und mit einem Nachwort von Sonja Hilzinger, München 1996, S. 82-108, hier. 91f.

 

Das Unvorhergesehene …

oder was ist Geschichte?

„ (…) unmissverständlich klargemacht, dass es immer nur um das Eintreten des Unvorhergesehenen ging. Im Rückblick betrachtet, war das schonungslose Unvorhergesehene das, was wir Kinder in der Schule als „Geschichte“ lernten, harmlose Geschichte, wo alles Unerwartete zu seiner Zeit als unvermeidlich verzeichnet wird. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht.“

Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. Roman. Reinbek bei Hamburg 2007, S. 159.

Antike Technik, bildlich in Bewegung gesetzt …

Am Anfang war das Rad. Bis, der lieben Wiki zufolge, findige griechische Konstrukteure um das 4./3. Jahrhundert vor Christus auf die Idee kamen, zwei Räder mittels einer verlängerten Achse und Querplatten zu verbinden und von Wasser antreiben zu lassen. Die Antriebskraft des Wassers wurde also durch eine geeignete Apparatur nutzbar gemacht. Das Wasser- oder Mühlrad ward erfunden.

 

Es diente fortan zum Beispiel als Schöpfanlage zur Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen. Im Römischen Reich wurden Wasserräder alsbald auch zum Mahlen verwendet. Ihre Nutzung war dann bald so verbreitet, daß der römische Architekt und Ingenieur Vitruv in seinen De architectura libri decem genannten Überblickswerk deren Aufbau beschrieb. (ab ca. 33 v. Chr.) Um die Zeitenwende ist auch schon eine erste Anlage auf dem Gebiet des späteren Deutschlands, im Raum Stolberg bei Aachen, archäologisch bezeugt. Über Jahrhunderte hinweg waren dann Wasser(- & Wind)räder die primären Energieerzeuger. Bis die Wasserkraft ab Ende des 18. Jh. schließlich zunehmend von der Dampfmaschine abgelöst wurde.

 

Heutzutage kann man Wasserräder hierzulande, außer vielleicht noch vereinzelt in gewissen ländlich-agrarischen, wasserreichen Gegenden zur Stromerzeugung, allein im musealen Schaubetrieb in Aktion erleben. Ähnlich auch in Tengen. Die Ortsbezeichnung „Mühlbachschlucht“ verweist jedenfalls darauf, daß hier einstmals Mühlen ansässig waren. Doch das ist sicher lange her. Einzig eine Ruine ist hiervon erhalten geblieben. Und fungiert nun als Ausflugsziel mit großzügiger Sitzbank und Grillgelegenheit. Das Mühlrad jedoch dreht und klappert unermüdlich und unbeirrt um seiner selbst willen. Und zeugt in seiner genialen Einfachheit von einer frühen Entwicklungsstufe von Technik bzw. von der Erfindungsgabe früherer Geschlechter. Und fasziniert den überraschten Naturfreund, der interessiert passiert. Vorausgesetzt, der stete Strom Wassers versiegt nicht. Nach zwei Dürresommern hintereinander keine Selbstverständlichkeit mehr.

 

Die Wassermühle lebt darüber hinaus frelich noch in der populären Kultur fort; denn sie fand Eingang in das volktümliche Liedgut. Neben Es steht eine Mühle im Schwarzwalder Tal ist dabei insbesondere an Es klappert die Mühle am rauschen Bach zu denken. Hier wie dort wird an prominenter Stelle auf das charakteristische Geräusch verwiesen, das durch die Umdrehung der Achse entsteht, das motonone Klappern. Dies kann im Verbund mit dem steten Rieselrauschen des Wassers durchaus seine beruhigende Wirkung entfalten. Ein romantisch-wehmütiger Reflex also auf die hämmernd-knallende oder zischende Lärmkulisse der sich industrialisierenden Wirtschaft in der klassischen Moderne. Regressive Fluchten.

 

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach: klipp-klapp.

 

Photographie © LuxOr

PS, 30.06.2020: Wie wir aus gut unterrichteter Quelle erfahren haben, stand obiges Mühlrad vergangenen Sonntag, den 28.06., tatsächlich still. Wassermangel? Hat jemand etwa den Stöpsel gezogen? Dreht es etwa bloß nach Anmeldung unermüdlich seine runde Bahn? War das Wetter vor zwei Tagen zu trüb für eine Ausflügelei in Natur und Vergangenheit? Wie dem auch sei, WIR hatten vor einer Woche offenbar Glück gehabt und waren zur rechten Zeit am rechten Ort …

 

 

hart oder roh

Es regnet

Als ich am nächsten Morgen in das Gymnasium kam und die Treppe zum Lehrerzimmer emporstieg, hörte ich auf dem zweiten Stock einen wüsten Lärm. Ich eilte empor und sah, daß fünf Jungen, und zwar E, G, R, H, T, einen verprügelten, nämlich den F.

„Was fällt euch denn ein?‟ schrie ich sie an. „Wenn ihr schon glaubt, noch raufen zu müssen wie die Volksschüler, dann rauft doch gefälligst einer gegen einen, aber fünf gegen einen, also das ist eine Feigheit!‟

Sie sahen mich verständnislos an, auch der F, über den die fünf hergefallen waren. Sein Kragen war zerrissen. „Was hat er euch denn getan?‟ fragte ich weiter, doch die Helden wollten nicht recht heraus mit der Sprache und auch der Verprügelte nicht. Erst allmählich brachte ich es heraus, daß der F den fünfen nichts angetan hatte, sondern im Gegenteil: die fünf hatten ihm seine Buttersemmel gestohlen, nicht, um sie zu essen, sondern nur, damit er keine hat. Sie haben die Semmel durch das Fenster auf den Hof geschmissen.

Ich schaue hinab. Dort liegt sie auf dem grauen Stein. Es regnet noch immer, und die Semmel leuchtet hell herauf.

Und ich denke: vielleicht haben die fünf keine Semmeln, und es ärgert sie, daß der F eine hatte. Doch nein, sie hatten alle ihre Semmeln, und der G sogar zwei. Und ich frage nochmals: „Warum habt ihr das also getan?‟ Sie wissen es selber nicht. Sie stehen vor mir und grinsen verlegen. Ja, der Mensch dürfte wohl böse sein, und das steht auch schon in der Bibel. Als es aufhörte zu regnen und die Wasser der Sündflut wieder wichen, sagte Gott: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde strafen um der Menschen willen, denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.‟

Hat Gott sein Versprechen gehalten? Ich weiß es noch nicht. Aber ich frage nun nicht mehr, warum sie die Semmel auf den Hof geworfen haben. Ich erkundige mich nur, ob sie es noch nie gehört hätten, daß sich seit Urzeiten her, seit tausend und tausend Jahren, seit dem Beginn der menschlichen Gesittung, immer stärker und stärker ein ungeschriebenes Gesetz herausgebildet hat, ein männliches Gesetz: Wenn ihr schon rauft, dann raufe nur / einer gegen einen! Bleibet immer ritterlich! Und ich wende mich wieder an die fünf und frage: „Schämt ihr euch denn nicht?‟

Sie schämen sich nicht. Ich rede eine andere Sprache. Sie sehen mich groß an, nur der

Verprügelte lächelt. Er lacht mich aus.

„Schließt das Fenster‟, sage ich, „sonst regnets noch herein!‟

Sie schließen es.

Was wird das für eine Generation? Eine harte oder nur eine rohe?

Ich sage kein Wort mehr und gehe ins Lehrerzimmer. Auf der Treppe bleibe ich stehen und lausche: ob sie wohl wieder raufen? Nein, es ist still. Sie wundern sich.

 

Ödön von Horváth (1901-1938): Jugend ohne Gott. Frankfurt a. M. 2008 (EV Amsterdam 1937), S. 10-12.

Zwölf Uhr mittags

Der 23. Mai ist ein durchaus geschichtsträchtiger Tag. Da liegt es nahe, an einem solchen Datum zu einem gegebenen Zeitpunkt einmal eine Momentaufnahme der Ereignisse und Einschätzungen im unendlichen Strome der Zeit zu machen, welche im nächsten Augenblick bereits vergangen sein werden, und deren tatsächliche Bedeutung für den weiteren Lauf der Geschichte wir allenfalls erahnen können.

Im Folgenden habe ich daher alle Schlagzeilen, welche Punkt Zwölf Uhr mittags auf der Seite meiner Netzhauspostille präsentiert worden sind, hier aufgelistet. Ein bißchen überrascht war ich jedenfalls von der schieren Menge der Artikel und Nachrichten, es dauerte deutlich länger als erwartet, alle Einträge niederzuschreiben; wenn man geschwind mal herunterscrollt, fällt das einem gar nicht so sehr auf. Freilich geht mit der hohen Zahl auch eine Verbreiterung der angesprochenen Themen und Fachgebiete einher. Ein anregendes Kaleidoskop des menschlichen Lebens in seinen Leistungen, Widersprüchen und Nichtigkeiten gleichsam, ein Schaufenster zur Welt, zu Raum und Zeit, ein Spiegel der Gesellschaft. Oder Politik und Poesie des Alltags. Und mal schauen, woran ich mich in einem Jahr noch erinnern kann, was Bestand hat und was nicht …

 

  • Corona-Wiederaufbaufonds: Eine Alternative zum Merkel-Macron-Plan
  • Europa in der Corona-Krise: Solidarität bis zur Schuldenunion?
  • 500-Milliarden-Fonds: Der Hamilton-Moment
  • Gesundheitsamt bestätigt: Corona-Ausbruch nach Gottesdienst in Frankfurt
  • Folgen des BND-Urteils: Gehen Deutschland jetzt Informationen verloren?
  • Missbrauchsvorwürfe im Sport: Mutige Frauen trotzen Morddrohungen
  • Meisterkampf in Bundesliga: Die große Gefahr für den BVB
  • Branchenwandel durch Corona: Trübe Zeiten für Edelmarken
  • Digitec-Podcast: Der Umbruch hat erst begonnen
  • Ist die Einheit in Gefahr? Wie Corona das Vereinigte Königreich spaltet
  • Zahlen zum Corona-Virus: Die Pandemie im Überblick
  • Liveblog zum Corona-Virus: Los Angeles verteidigt Beschränkungen gegen Trump-Regierung
  • Niedersachsen: Quarantäne für 50 Menschen nach Corona-Ausbruch in Restaurant
  • Folgen der Corona-Krise: Unternehmer Kühne: Merkel könnte nochmal antreten
  • Rummenigge kontert DFB-Idee: „Das ist kalter Kaffee“
  • Biden entschuldigt sich: „Ich hätte nicht so ein Klugscheißer sein sollen“
  • Folge der Pandemie: Autovermieter Hertz stellt Insolvenzantrag
  • Hertha-Trainer Labbadia warnt: Laute Mahnung trotz Derby-Kantersieg
  • Blogs/Pop-Anthologie: Alles nur ein Fiebertraum
  • Comeback der AS 2020: Diese Flieger wollen ewig leben
  • Unterwegs auf den Feldern: So schlagen sich die deutschen Spargelhelfer
  • Fraktur: Krude wie Tante Trude
  • Digitalisierung verschlafen: Die Dinosaurier-Banken sind zu spät dran
  • Komplizierte Parteiausschlüsse: Im Zweifel für den Querschläger
  • Kampf gegen Corona: Impfstoff? Freut Euch nicht zu früh!
  • „Inside Tumucumaque“: VR-Reisen durch den Amazonas-Regenwald
  • Freibad-Saison in NRW eröffnet: „Die Corona-Kilos müssen wieder runter“
  • Weiße Kreise als Abstandshalter in San Francisco
  • Gefährliche Algenbildung?: Grüne Flecken in der Antarktis
  • Di Maio rührt die Werbetrommel: Die Hassliebe der Italiener zu deutschen Touristen
  • Barbara Borchardt: zu links für das Verfassungsgericht?
  • Corona-Krise: Trump dringt auf Öffnung der Kirchen
  • Setzt sich Meuthen durch? House of AfD
  • Johnson-Berater: Cummings soll Lockdown-Regeln missachtet haben
  • Virtueller CSU-Parteitag: Söder „die Stimme der Vernunft“
  • „Staatliche Gängelei“: Altmeier gegen Recht auf Homeoffice
  • Streit ums Geld: Konjunkturpaket soll kommen – aber wie?
  • FAZ Exklusiv: Die Rentenreserve schmilzt wegen Corona
  • Unternehmen nach 2. Weltkrieg: Neustart auf dem Trümmerfeld
  • Online-Kommunikation: Whatsapp hängt alle ab
  • Hate-Speech auf Twitter: Die Verrohung nimmt kein Ende
  • Folgen der Corona-Krise: Facebook rechnet künftig mit 50 Prozent Homeoffice
  • Vermögenspreise(?): Ein Inflationsschub ist unwahrscheinlich
  • Bitkom-Umfrage: Bargeld nicht mehr gefragt
  • Nachfrage kollabiert: Indiens Notenbank wagt keine Wirtschaftsprognose
  • Spezialkredite der Notenbank: Japanischer Schulterschluss gegen Corona-Krise
  • Max-Klinger-Ausstellung: Lust und List des Monumentalen
  • Frankfurter Bühnen: Ein Donnerschlag gegen das Stadtparlament
  • Streamingdienste im Vormarsch: Wer soll das alles bezahlen?
  • Britische Unis schlagen Alarm: Lebenslang online
  • FAZ Podcast für Deutschland: „Weit weg von Leistungssport“ – Läuferstar Pamela Dutkiewicz über Quarantäne-Training
  • FAZ Einspruch Podcast: Die Grenzen der BND-Massenüberwachung
  • FAZ Podcast für Deutschland: „Dann kauf Dir doch ne Insel“ – Immobilienpreise in Corona-Zeiten
  • Sozial engagierte Studenten: Creditpoints für die gute Tat
  • Kleines Arbeitszimmer: Die Homeoffice-Nöte des SAP-Chefs
  • Europäischer Gerichtshof: Ein Integrationsmoter unter Legitimationsdruck
  • Engagement neben dem Beruf: Eine Frage der Ehre
  • Comic: Alarmstufe Grün ist viel verstörender als Rot
  • FAZit – Das Wirtschaftsblog: So klappt es mit dem Bestseller
  • Fußballstar Khedira schwärmt: „Er war der beeindruckendste Trainer“
  • Christopher Froome kämpft: Ein Radstar in der „Quälhölle“
  • Jockey Andrasch Starke: Der mit der Kraft in den Händen
  • Der Barfuss-Drummer: City-Schlagzeuger Klaus Selmke gestorben
  • Pakistan: 97 Tote bei Flugzeugabsturz in Karachi
  • Haftbefehl wegen Mordes: Erzieherin soll Kita-Kind getötet haben
  • Homeschooling: Mathestunde am Laptop
  • Mode während Corona: Mit Mundschutz von Gucci
  • Mode-Ikone Michelle Elie: „Ich passe in keine Kategorien“
  • Schauspielerin Janelle Monáe: „Ich würde auch gerne Fehler machen dürfen“
  • Smalltalk – Neues von den Promis: Rooney Mara erwartet erstes Kind
  • Initiative gegen Extremismus: „Fausthiebe nehme ich sportlich“
  • Frankfurt: Hauptstadt der Verschwörung
  • Autobahn 7 komplett gesperrt: Lastwagen verliert nach Notbremse Ladung mit Tierabfällen
  • Städtische Bühnen: Am Wolkenfoyer soll es nicht scheitern
  • Ladestationen zu vermieten: Energie auf Rädern
  • Fünf am Freitag: Heiße Eisen, harte Fasern und coole Klänge
  • BMW Active Hybrid E-Bike: Nur kein Neid bei großen Namen
  • Elektroautos auf der Fähre: Stromschlag auf See?
  • Arzneien in der Corona-Krise: Wirkt dieses Medikament jetzt noch?
  • Verbreitung durch Aerosole: Etwas Virus liegt in der Luft
  • Verfettetes Organ: Wenn die Leber am Limit ist
  • Rüdesheimer Drosselgasse: Das jähe Ende von Wein, Weib und Gesang
  • Wie erklär ich’s meinem Kind? Was eine Sucht ist
  • Einmalzahlung pro Kind: Kommt der Corona-Familienbonus?
  • Corona-Krise: Männer, Frauen, Traditionen
  • Spaniens Kunstmarkt: Nur eine Million Euro
  • ZADIK: Kunstmarkt und Lehre
  • Rundgang durch die Galerien: Exodus aus Berlin?
  • Trendobjekt Gartenhaus: Welche Hütte passt zu mir?
  • Studie des Immobilienverbands: Mieten und Hauspreise steigen trotz Corona weiter
  • Schotterwüste im Vorgarten: „Das sind die gartengewordenen SUVs“
  • Arles in der Provence: Wie viel Paris darf es sein?
  • Popakademie Mannheim: City of Music
  • Deutschland spricht: Angst, Unruhe, Wut – und Demut
  • Blick von oben auf die Welt: So schön, so bunt, so nah!

 

Eine Verschwörungstheorie der anderen Art.

Auszüge aus Artikeln der letzten zwei Wochen in der FAZ, die aufrütteln.

Wollte man nun zynisch sein und eine weitere gewagte Verschwörungstheorie in die Welt setzen, könnte man von einem avancierten Versuch sprechen, in diversen Regionen und Staaten jenseits des Ozeans sich der jeweiligen Unterschichten und Minderheiten – leider allzu häufig noch dazu deckungsgleich – auf elegante Weise zu entledigen … Darwin in seiner pseudo-sozialen Ausprägung scheint wieder en vogue. Die virale Auslöschung durch den Kolonialismus wiederholt sich. Willkommen zurück im neunzehnten / zwanzigsten Jahrhundert. Willkommen im Lande der von Regierungsseite exekutierten white supremacy Denn solange eine Gesellschaft eine endemische Durchsetzung insbesondere des Justiz- und Polizeiapparates mit strukturellem Rassismus duldet, wird es leider noch zahlreiche weitere unschuldige George Floyds geben.

Mord an Schwarzem in Georgia : „Immer nur einen Schritt vom Terror entfernt“

  • Von Frauke Steffens, New York
  • -Aktualisiert am 10.05.2020-19:43

Der Mord an dem jungen Jogger Ahmaud Arbery entsetzt viele Menschen in Amerika. Wieder haben Weiße einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, der einfach nur laufen wollte.

(…)

„Im Horrorfilm sterben wir auch zuerst“

Arberys Tod ist für viele Menschen Ausdruck des selben strukturellen Rassismus wie er sich auch in der Coronavirus-Krise äußert, weil besonders viele Schwarze an den Folgen einer Infektion sterben. Einer Analyse der Nachrichtenagentur Associated Press zufolge waren bis Mitte April 42 Prozent der an den Folgen des Coronavirus gestorbenen Amerikaner schwarz – ihr Bevölkerungsanteil liegt bei 13 Prozent. Von der schlechten Gesundheitsversorgung im ländlichen Mississippi bis zur Verteilung umweltbedingter Asthmafälle in New York, von den Pflegerinnen in Altenheimen über die Insassen der Gefängnisse bis zu den Arbeitern in den Fleischfabriken – Menschen mit mehr als einem Risikofaktor für einen schweren Coronavirus-Verlauf sind sehr häufig nicht weiß.

„Black Lives Matter“ und viele schwarze Bewegungen davor gründeten den Kampf gegen Rassismus auch auf die Beobachtung, dass schwarze Körper noch weit mehr als die der weißen Arbeiter „disposable“ seien – verzichtbar, austauschbar, „wegwerfbar“. Damit gingen sie über die oft von Weißen entwickelte linke Theorie hinaus und fügten ihr Dimensionen hinzu. Die sehen viele nun bestätigt, weil die Industrie und die Regierung auf die Öffnung von Fleischfabriken und ganzen Bundesstaaten drängen, in denen Schwarze besonders oft vom Coronavirus betroffen sind.

(…)

Die aggressiven Proteste der Rechten gegen die Coronavirus-Schutzmaßnahmen und die schnelle Wiederöffnung republikanischer Bundesstaaten sehen manche Kommentatoren als Reaktion von Weißen auf die Tatsache an, dass das Coronavirus überproportional Minderheiten trifft. In Mississippi etwa, wo im April um die 70 Prozent der Verstorbenen schwarz waren, treibt die Regierung die Öffnung trotz leicht steigender Infektionszahlen voran. Die an der Rutgers Universität in New Jersey lehrende Kulturkritikerin Brittney Cooper nannte die schnelle Wiederöffnung der Wirtschaft auf Twitter gar eine „nekropolitische Kalkulation“, eine Inkaufnahme des Todes von mehr Schwarzen als Weißen.

(…)

Indigene Völker : „Wir sind in Gefahr“

  • Von Tjerk Brühwiller
  • -Aktualisiert am 11.05.2020-10:57

Die Ankunft des Coronavirus in Amazonien bedroht die Urvölker. Ihr Immunsystem ist besonders anfällig. Quarantäne- oder verstärkte Hygienemaßnahmen sind dort kaum umzusetzen.

(…)

 

Immer mehr Corona-Tote : Brasiliens Jagd nach einem traurigen Rekord

  • Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
  • -Aktualisiert am 21.05.2020-16:24

Das Coronavirus wurde von Brasilianern der oberen Einkommensschicht aus Europa ins Land getragen – und verbreitet sich nun rasant in den ärmeren Bevölkerungsschichten.

(…)

 

Das altbewährte Muster der Ewiggestrigen

  • Von Markus Wehner, Berlin
  • Aktualisiert am

Das Auschwitz-Komitee Deutschland würde den Tag der Kapitulation der Wehrmacht gerne zum Feiertag machen. Alexander Gauland ist dagegen. In Berlin vergewaltigte Frauen sähen das anders als damalige KZ-Insassen, sagt er.

(…)

Die Aufrechnung des A. Gau-leiter-land

Nein, niemals und nirgendwo sind deutsche Polizisten und Soldaten vergewaltigend, brandschatzend und mordend eingefallen?

Unschuldige Opfer sind bloß auf deutscher Seite in den Jahren 1945 folgende zu beklagen?

Ein gesetzlicher Feiertag ist stets in einem national-chauvinistischen Sauf-Feier-Gelage-Taumel zu begehen?

Selbstkritsche Reflexion, feierliches Gedenken, andächtiges Innehalten etwa für eine absolute Niederlage, für einen Vogelschiss der deutschen Geschichte?

Der Achte Mai ist trotz allem, was insbesondere Frauen um diesen Tag herum zu erdulden hatten, der Tag der Befreiung. Und Gott sei Dank der Tag der absoluten Niederlage. Woran zu gedenken man niemals ruhen darf (zumal mit den letzten Zeitzeugen alsbald auch die Erfahrung und Erinnerung aus erster Hand ausstirbt). Punkt.

 

in memoriam …

Heute vor 75 Jahren wurde Albrecht Haushofer (1903-1945) ermordet.

 

Moabiter Sonette

 

I . IN FESSELN

 

Für den, der nächtlich in ihr schlafen soll,

so kahl die Zelle schien, so reich an Leben

sind ihre Wände. Schuld und Schicksal weben

mit grauen Schleiern ihr Gewölbe voll.

 

Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt,

ist unter Mauerwerk und Eisengittern

ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern,

das andrer Seelen tiefe Not enthüllt.

 

Ich bin der erste nicht in diesem Raum,

in dessen Handgelenk die Fessel schneidet,

an dessen Gram sich fremder Wille weidet.

 

Der Schlaf wird Wachen wie das Wachen Traum.

Indem ich lausche, spür ich durch die Wände

Das Beben vieler brüderlicher Hände.

 

 

V . AN DER SCHWELLE

 

Die Mittel, die aus diesem Dasein führen,

ich habe sie geprüft mit Aug‘ und Hand.

Ein jäher Schlag – und keine Kerkerwand

Ist mächtig, meine Seele zu berühren.

 

Bevor der Posten, der die Tür bewacht,

den dicken Klotz von Eisen sich erschlösse,

ein jäher Schlag – und meine Seele schösse

hinaus ins Licht – hinaus in ferne Nacht.

 

Was andre hält an Glauben, Wünschen, Hoffen,

ist mir erloschen. Wie ein Schattenspiel

scheint mir das Leben, sinnlos ohne Ziel.

 

Was hält mich noch – die Schwelle steht mir offen.

Es ist uns nicht erlaubt, uns fortzustehlen,

mag uns ein Gott, mag uns ein Teufel quälen.

 

 

XXXIX . Schuld

 

Ich trage leicht an dem, was das Gericht

mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.

Verbrecher wär‘ ich, hätt‘ ich für das Morgen

des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.

 

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,

ich mußte früher meine Pflicht erkennen,

ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen –

mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt …

 

Ich klage mich in meinem Herzen an:

ich habe mein Gewissen lang betrogen,

ich hab mich selbst und andere belogen –

 

ich kannte früh des Jammers ganze Bahn –

ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!

und heute weiß ich, was ich schuldig war …

 

Haushofer, Albrecht (1993): Moabiter Sonette. Mit einem Nachwort von Ursula Laack-Michel, 4. Auflage, München, S. 9, 13, 47. Erstveröffentlichung 1946.

 

Ein Jubiloim der besonderen Art …

Damals vor dreißig Jahren – wer erinnert sich nicht noch daran?

Vom Dienst an der Waffe …

So, so, die gute, alte Bundeswehr möchte also (EU-)Ausländer für die Truppe rekrutieren. (Da erfüllt sich am Ende gar doch noch die Europa-Vision der Waffen-SS  …?). Nach ersten Verlautbarungen vornehmlich als Militär-Ärzte oder IT-Spezialisten. An sich durchaus folgerichtig: wieso sollen, der Personenfreizügigkeit innerhalb der EU sei’s gedankt, nicht lange Jahre in Deutschland lebende Männer und Frauen dort an der Waffe dienen, wo sich ihr Lebensmittelpunkt befindet? Vorausgesetzt, es ergeben sich keine Konflikte aufgrund doppelter Loyalitäten. Scheint es angesichts neuer Bedrohungslagen in Ost und Süd indes nicht absehbar, daß alsbald auch Kampfformationen durch Ausländer aufzufüllen wären? Zumal es der Bundeswehr heutzutage kaum recht gelingt, in Konkurrenz zur freien Wirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung adäquates Personal für sich zu gewinnen.

Hier rächt sich also erneut der kurzsichtige Entscheid, die Wehrpflicht auszusetzen. Die Armee eines demokratisch verfassten Gemeinwesens mit einer derart belasteten Vergangenheit sollte allerdings gerade durch das Instrument der Wehrpflicht in die Gesellschaft ein- und an sie zurückgebunden sein. Als Korrektiv und Kontrollorgan, aber auch zur Steigerung ihrer Legitimation und Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung und der Politik. Ohne Wehrpflichtige nimmt indes der Anteil jener Armee-Angehörigen zu, die allein aufgrund ihrer autoritätsgläubigen Persönlichkeit bzw. ihrer militär- und gewalt-affinen Veranlagung in die Truppe eintreten. Das seinerseits erhöht die Gefahr einer Ausbildung (rechter) gewaltbereiter Parallel-Strukturen in den Streitkräften. Angesichts der Etablierung einer rechts-populistischen Partei in Bund und Ländern nicht unproblematisch. Ob sich derlei Gefährdungen  durch eine verstärkte Einstellung von ausländischen Bewerbern auf Dauer unterbinden lassen, mag jedoch anzuzweifeln sein …

Auslöschung

Schlimm genug, daß der Mensch große Säugetiere, aber auch Insekten und Pflanzen zum Aussterben bringt. (Insbesondere die Konsequenz eines Verschwindens der Letzteren ist dabei noch kaum im allgemeinen Bewußstein angelangt.) Darüber etwas aus dem Blick gerät bisweilen, daß der Mensch auch dem Menschen selbst der größte Feind ist. Und dabei soll hier nicht vom homo suicidalis, der seine Umwelt vollends zerstört, die Rede sein. Oder von genozidalen Gewaltexzessen vergangener Epochen, begangen an den First Nations, den Aborigines, den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas oder Ozeaniens, an den Herero und Nama in Deutsch-Südwest, den Armeniern im Osmanischen Reich oder der Shoa. Auch nicht von den Massenmorden neueren Datums an den Tutsi in Rwanda oder den ethnischen Säuberungen auf dem Balkan. Oder von den systematischen Vertreibungen der Rohingya in/aus Myanmar.

Nein, heutzutage geht ein solcher Prozeß bisweilen deutlich geräuscharmer vonstatten, zumal wenn es sich um kleine bis kleinste Völkerschaften oder Stämme handelt, die keinen Staat samt Administration in unserem Sinne bilden und auch anderwärtig über kaum eine Lobby verfügen. Indigene Völker in vermeintlich abgeschiedenen Weltecken, in schwer zugänglichen, aber teils rohstoffreichen (natürlich!) Regionen der Erde; diese fallen noch immer partikularen Interessen von Repräsentanten der herrschenden Mehrheitsbevölkerung zum Opfer, insbesondere in den noch existenten Urwaldsystemen in Südamerika oder Südostasien. Solch ein trostloses Schicksal rückt exemplarisch ein neuer Dokumentarfilm über die Piripkura im brasilianischen Regenwald in den Fokus. Von diesem Volkstamm sind noch drei Angehörige übrig, von denen zwei, Onkel und Neffe, nach traditioneller Art als Jäger und Sammler im Wald untertauchen, während die letzte Frau, bereits „domestiziert“, in einer Art Sozialstation lebt. Das Ende läßt sich in diesem speziellen Falle unschwer ausmalen, denn nach dem bald zu erwartenden Ableben dieser letzten Vertreter ihres Volkstammes wird die Verfügungsgewalt über Holz und Boden(-schätze) wohl an den Meistbietenden übergehen, wenn nicht gleich an den Rücksichtslosesten. Solch eine Auslöschung betrifft jedoch nicht allein die physische Existenz. Nein, denn damit einher geht in der Regel auch das Aussterben einer Sprache. Und mit diesem Kulturträger geht also auch eine jahrhundertalte Tradition, geht eine spezifische Sicht auf das Leben, geht Welt-Wissen, geht (alternative) Kulturtechnik, ein Wert an sich, unwiederbringlich verloren.

Glücklich kann sich da noch nennen, wer auf einer abgelegenen Insel lebt. Etwa das Volk der Sentinelesen auf den Andamanen im Nirgendwo des Indischen Ozeans. Dort suchte dennoch ein US-Amerikaner im vergangenen November in einem typischen Fall westlichen Hochmuts diesen Volksstamm, welcher in selbstgewählter völliger Isolation von jeglicher „Zivilisation“ lebt, für das Christentum zu bekehren. (Wenn wir einmal von der Existenz eines liebenden Gottes ausgehen, dann wird er seinen „unschuldigen“ Kindern vermutlich genauso innig zugetan sein, wie wenn sie (zwangs-)bekehrt wären.) Obwohl jede physische Kontaktaufnahme zu den Inselbewohnern behördlicherseits verboten ist. Der Missionar wurde denn auch offenbar am Strand noch mit Pfeil und Bogen getötet.

Kann der moderne Mensch demnach, so läßt sich fragen, die Begegnung mit dem naiven Urzustand seines älteren Menschen-Bruders nicht ertragen, schämt er sich dessen und muß er folglich diese in seinen Augen uneindeutige und unnütze, wenn nicht gleich unbequeme, da implizit einen Vorwurf transportierende, Lebensart um jeden Preis seiner eigenen angleichen, ansonsten aber umstandslos vernichten?

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Postscriptum, 13./14.12.2018:

Noch diese Woche tagt in Kattowitz die UN-Klimakonferenz. Und vergangenen Montag wurde international der Wiederkehr jenes Tages gedacht, an dem vor nunmehr siebzig Jahren die Erklärung der Menschenrechte erfolgte. Der Im Verlauf der Jahrzehnte noch weitere, gleichwohl ebensowenig bindende, Pakte über wirtschaftliche und soziale Rechte und Freiheiten folgten. Vor diesem Hintergrund muß sich die sogenannte internationale Staatengemeinschaft denn auch die Frage gefallen lassen, ob sie tatsächlich nicht in der Lage sei, Rechte für Kollektive wie etwa ganze Völker zu etablieren und auch durchzusetzen, damit deren Lebens-Raum unversehrt erhalten bleibe. Sonst übernehmen alsbald selbsternannte Menschheits-Beglücker vom Schlage eines Jeff Bezos endgültig das Ruder, welcher den Exodus des homo „sapiens“ in den Kosmos projektiert. Aber das bedeutet schließlich nichts anderes als die Gestaltungs- und Widerstandskraft der Menschheit aufzugeben, denn es wäre der bequeme Weg …

Welch Demokratie-Verständnis

Laut einer aktuellen EMNID-Umfrage im Auftrag der BamS stehen über ein Drittel (36%) bzw. ein Viertel (26%) der Erosion, dem Absterben der einstigen Volksparteien SPD und CDU positiv gegenüber, halten sie offenbar für verzichtbar. Und die Hälfte vermag in dieser Entwicklung gar einen Gewinn für die Demokratie zu erkennen. Worin dieser denn konkret bestehen mag, darüber schweigt sich der Artikel einer überregionalen Tageszeitung allerdings aus. Also spekulieren wir einmal.

Ganz grundsätzlich hat man wohl bei der hohen Zustimmungsrate für die weiter drohende Marginalisierung von Schwarz-Rot auch einen verspäteten Strafzettel für die damaligen und auch aktuellen Groß-Koalitionäre und ihre Politik der offenen Türe angesichts der Massenflucht nach Zentral- und Nordeuropa im Jahr 2015 in Rechnung zu stellen. Und in der dauerhaften Begrenzung der ehedem erfolgreichen beiden Volksparteien mit teils großer Historie auf bundesweit unter 30 bzw. gar 20 % ließe sich allenfalls dann ein Vorteil für die Demokratie erblicken, wenn bis dato kleinere Parteien dementsprechend ihre Attraktivität steigern können oder es neuen Parteien gelingt, in die Parlamente einzuziehen. Mit der zunehmenden Individualisierung und Ausdifferenzierung parallel gehend, würden demnach also mehr Meinungen im öffentlichen politischen Diskurs repräsentiert und dieser damit erweitert. Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet, könnte der Stimmbürger folglich unter mehreren erfolgversprechenden (in dem Sinne, daß „seine“ Partei den Einzug in die Volksvertretung schafft) Möglichkeiten wählen.

Soweit der theoretische Idealfall. Die Realität dürfte aber vermutlich ganz anders aussehen. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit hätten wir es mittelfristig statt mit ein, zwei hoch-integrativen Volksparteien, die gerade darum das „Volk“ in ihrer Bezeichnung tragen, weil sie in der Lage sind, verschiedene Schichten und Milieus und also Meinungen, Überzeugungen und Interessen zusammenzubinden und auszugleichen, in solchem Falle eher mit vier, fünf, sechs oder noch mehr sogenannten One-Topic-Parteien zu tun. (Falls sich nicht noch die Grünen auf der einen und die AfD auf der anderen Seite auf Dauer zu den Erben von SPD resp. CDU aufschwingen). Verhältnismäßig kleine Einheiten, die sich allenfalls zwei, drei Herzensangelegenheiten, Partikularinteressen einer spezifischen Klientel, auf ihr Panier schreiben. Um eine ähnlich hohe Kohäsion und Integration zu generieren, neigen solche Parteien denn auch eher zu Maximalforderungen und sind häufig also weniger zu Kompromissen in der Lage. Damit einher gingen u. U. auch Nebenwirkungen wie Verpöbelung und Popularisierung. Die unweigerlich daraus folgende Konsequenz wäre also gerade nicht eine wie auch immer geartete Chance für die Demokratie, sondern ganz im Gegenteil deren Lähmung und Stillstand, weil Regierungsbildungen ohne klare Mehrheiten mangels großer Parteien samt einem Juniorpartner immer langwieriger und komplizierter würden. Wären jene Koalitionen dann nach Monaten endlich im Amt, litten sie aber mutmaßlich von Beginn an unter Instabilität, weil stets mit Querschüssen aus den eigenen Reihen zu rechnen wäre. Als Fazit ließe sich somit ziehen, daß sich eine Hälfte der Deutschen leider Gottes eher auf einen Weg vorwärts in die Vergangenheit zu begeben scheint  …

Abschließend ließe sich noch fragen, wieso eine derartig delikate Frage ausgerechnet eine Woche vor einer bedeutsamen Landtagswahl lanciert wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Steinerne Zeugen

Ja, die letzten Zeitzeugen auf beiden Seiten – Angreifer oder Verteidiger, Täter oder Opfer – sterben alsbald hinweg. Und damit vermag bald niemand mehr Zeugnis zu geben von Diktatur, Krieg, Zusammenbruch und Holocaust. Aktive Erinnerung an Geschichte, aus erster Hand quasi, verschwindet von selbst. Eine Herausforderung an die Zivil-Gesellschaft wie die Politik, wie man die Erinnerungskultur künftig verantwortlich zu gestalten hat, jenseits wohlfeiler Betroffenheitsrituale in luftigen Sonntagsreden, auf daß auch der Alltag davon durchdrungen sein möge.

Auf einem ganz anderen Gebiet pflegt man hingegen einen bisweilen wenig zimperlichen Umgang mit Zeugenschaft. Die Rede ist vom Städtebau resp. Denkmalschutz, oder genauer: die Frage nach der Rekonstruktion zerstörter, historischer Bausubstanz – steinerne Zeugen gleichsam der Wirrnisse der Zeiten. Ganze Städte sind nach ihrer zunehmenden Zerstörung im Bombenkrieg ab etwa 1942 bekanntlich bis zur ihrer Unkenntlichkeit wiederaufgebaut worden, man denke dabei bspw. an Heilbronn oder Pforzheim. (In meiner eigenen Geburtsstadt Freiburg verschwanden die letzten Trümmergrundstücke, bis dato als Parkplätze genutzt, im Übrigen erst bis Mitte/Ende der 1980er Jahre.) Manche Ruinen freilich, singuläre Gebäude von hohem symbolischen Wert, häufig auch Gotteshäuser, Mahnmale des Schicksals ihrer Stadt, blieben dagegen lange unbehelligt. So zum Beispiel die Frauenkirche in Dresden. Deren historisierende Rekonstruktion (1994-2005) erfüllte den Schreiber dieser Zeilen bisweilen mit Bauchgrimmen.

Die Frauenkirche zu Dresden

Natürlich wäre es eine konsvervatorische Herausforderung geworden, eine Ruine dauerhaft (begehbar?) zu erhalten und hierbei insbesondere die Sicherheit für Besucher und Passanten zu gewährleisten. Gleichwohl begab man sich damit der einmaligen Gelegenheit, ein Fragezeichen, einen mahnenden Zeigefinger, ein originales Denk-mal! für die Nachwelt zu bewahren, einen Gedenk-Ort zu schaffen um einen Torso, dem im Februar 1945 eben jenes Schicksal widerfuhr, wogegen sich die Mahnung richtet. Stattdessen tilgte man die Zerstörung, damit aber auch die mahnende Erinnerung daran, ein für alle Mal aus dem Stadtbild, so als ob nie etwas geschehen wäre. Und das bloß um der Vereinheitlichung und Harmonisierung, der Überzuckerung des Stadtbildes willen. Die feierliche Weihe fand dann im Oktober 2005 statt.

Das ist nun mittlerweile auch wieder dreizehn Jahre her. Doch auch andernorts in unserer Berliner Republik bricht sich derzeit im Umgang mit historischer Bausubstanz eine bedenkliche, weil homogenisierend-verklärende Geschichtsvergessenheit Bahn. Dem Dresdner Wiederaufbau kann man ja immerhin zugutehalten, daß hier auf noch existente originale Reste aufgebaut worden ist. Vor allem aber ist das historische Ensemble wenig vorbelastet durch die reichsdeutsche Vergangenheit. Davon kann andernorts nun allerdings keineswegs die Rede sein. Ganz im Gegenteil, hie und da scheint eher der preußisch-deutsche Militärgeist fröhlich Urständ zu feiern. Der Bund und das notorisch klamme und in Planungsfragen übel beleumundete Land Berlin (Stichwort „BER“) leisten sich für über eine halbe Milliarde Euro den Wiederaufbau des barock-klassizistischen (Stadt-)Schlosses der Hohenzollern. Just an der Stelle also, wo von 1976-2006 das Vorzeige-Objekt der Ost-Berliner Genossen, der Palast der Republik, auf dem weitläufigen Gelände des Originalbaues stand.

Der künftige Schloßplatz zu Berlin – © Sandy Lunitz

Und nur wenige Kilometer in südwestlicher Richtung entfernt, wird gerade das Zentrum Potsdams dem Erdboden gleichgemacht. Funktionsbauten aus den 1960/70er Jahren  im Stile des zeitgenössischen Brutalismus (u. a. ein Rechenzentrum oder Gebäude der hiesigen FH) müssen n. a. dem Wiederaufbau der Garnisonskirche weichen, zunächst offenbar nur des Glockenturms; dem aber das Kirchenschiff wohl unweigerlich folgen wird. So als ob im Westen niemals ähnlich unterkühlte und deshalb gerade realistische, zeit-adäquate und also eigentlich erhaltenswerte Gebäudekomplexe errichtet worden wären. Hat denn das architektonische Erbe der DDR absolut keine Daseinsberechtigung, sind denn die materiellen Hinterlassenschaften des anderen deutschen Staates jenseits von SED-Diktatur und Stasi-Verfolgung automatisch weniger wert? Ein nachgeholter Abrechnungsfuror gleichsam gegen die vermeintlich steingewordene Ideologie des im Wettstreit der Gesellschaftssysteme unterlegenen Gegners von einst. Bei oberflächlicher Betrachtung wird hier also durch Steuergelder ein weiterer barockisierender Prachtbau errichtet, in dessen Glanz und Gloria sich die neureichen Promi-Neubürger der ehemaligen Residenzstadt zu sonnen und lustwandeln gedenken. Doch angesichts der Vergangenheit dieses Kirchenbaus als DAS Symbol der unseligen Symbiose aus etatistischem deutschen Protestantismus und preußisch-deutschem, nationalen Machtstaat, kulminierend im Tag von Potsdam (21.03.1933), scheint die Frage mehr als berechtigt, welcher Geist hier tatsächlich am Wirken ist.

Modell des Turmes der (neuen) Garnisonskirche zu Potsdam

Man kann solcherlei Bau-Projekte vorwärts in die Vergangenheit noch so wohlmeinend erinnerungspolitisch und geschichtsdidaktisch begleiten; allein daß sie heutzutage gedacht, geplant, schließlich dann (in Teilen zumindest) mehrheitsfähig und also errichtet werden können, sagt doch einiges über die Befindlichkeiten unserer Gesellschaft, unserer politischen Kultur aus. Einerseits weitverbreitete Schlußstrich-Mentalität, andererseits Sehnsucht nach ornamentaler (oder gar imperialer?) Größe und oberflächlichem Glanz, nach kitschiger Kulisse und barocker Betäubung. Revisionismus und Populismus scheinen mithin im Zentrum unserer Städte, in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen zu sein. Und die AfD ist nur e i n Symptom hiervon.

Wie ich vorigen Monat mit einem alten Freund durch Hamburg streifte, fragten wir uns immer wieder, was denn das für ein Turm sei, der alles andere überragend aus der Silhouette der Stadt hervorsticht, dabei aber seltsam düster und trostlos wirkt. Es handelt sich um den Turm der ehemaligen, neogotischen Hauptkirche der alten Hansestadt, St. Nikolai, – mit 147 m einstmals das höchste Gebäude der Welt. Dieser trotzte dem Feuersturm der Flächenbombardements auf Hamburg im Juli/August 1943.

Der Turm-Torso der ehemaligen Hauptkirche St.-Nikolai inmitten einer scheinbar gerade erst geräumten Trümmerlandschaft – © LuxOr, 07.18

Politik und Kirche fällten dann die für die quietistischen, fortschrittsgläubigen und wirtschaftswunderbeseelten 1950/60er Jahre bemerkenswert weitsichtige Entscheidung, den Turm-Torso als Mahnmal der Nachwelt zu erhalten. Auch wenn er dann im Anschluß erst einmal – jahrzehntelang vernachlässigt – zusehends verfiel. Bis  Ende der 1980er Jahre auf private Initiative hin durch Spenden wieder Bewegung in die Angelegenheit kam. Der Turm konnte gesichert (und bis Anfang diesen Jahres erneut aufwändig saniert) werden, und auf halber Höhe wurde eine Aussichtsplattform samt Außenlift installiert. Verschiedene Exponate – ein Mosaik und Skulpturen – laden künstlerisch zur Reflexion und Kontemplation ein. In der Krypta schließlich wurde ein Informationszentrum samt Dauerausstellung zum Bombenkrieg auf Hamburg eingerichtet. Historische Bauten – Ruinen zumal, auch vermeintlich häßlich-ungestaltes – sprechen zu uns in ihrer ganz eigenen Sprache. Man muß nur den Willen aufbringen, zu hören …

Über Zivilisation(en)

Waren die schon viel zu langen zwölf der phantasierten ewigen tausend Jahre denn tatsächlich ein „Zivilisationsbruch„(D. Diner)? Der Firniß der Zivilisation ist dünn. Wo steht denn geschrieben, daß Zivilisation, trotz des berühmten und viel-beschworenen „Zivilisationsprozesses“ (N. Elias), stets progressiv voranschreitet? Und dabei den Menschen zwangsläufig und irreversibel zu einem besseren, weil kooperativ-solidarischen, friedliebenden Wesen macht, der seine atavistischen Affekte unter Kontrolle hält? (Am Ende läuft es jedenfalls auf die Frage nach dem jeweiligen Menschenbild hinaus.) Ist der NS-Verfolgungswahn, der Holocaust nicht vielmehr Vollzug (ein radikaler allerdings) einer ab dem Ende des 18. Jahrhundert etwa ohnehin allerorten in Mode kommenden „Bio-Macht“ (M. Foucault) über das Leben? Ist Auschwitz nicht vielmehr die auf die Spitze getriebene technisch-funktionale Ratio, ein jeder Zivilisation ab einem bestimmten Grad notwendig eingeschrieben und also im Grunde jederzeit und überall wiederholbar? Nicht die Monstrosität unterscheidet also die NS-Verbrechen von ähnlichem Geschehen, von Gewaltexzessen insbesondere im 20. Jh., sondern „einzig“ ihre technische Perfektion. Aber das ist gerade das Signum unseres Zeitalters der Moderne.

 

PS; 11.05.2020: Und wer mag denn dieser Tage noch mit Fug und Recht behaupten, daß wir in einer Zeit der verfeinerten Sitten, in einer Zeit der allgemeinen Gesittung leben?

Wenn die Tagesschau Geschichte macht …

15.04.2018, Sonntagabend, ARD, prime time, die Tagesschau, ca. 20:09h: Sprecher Thorsten Schröder berichtet über eine Gedenkveranstaltung anläßlich der Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor nunmehr dreiundsiebzig Jahren. Dabei sagt er einen nachgerade merk-würdigen Satz: „Dort kamen während der NS-Zeit mindestens 52.000 Menschen zu Tode …“ Ach wie niedlich, zu Tode kommen, wie herrlich unbestimmt! Schwappte da vielleicht tragischerweise ein Tsunami von der Nordsee bis in die niedersächsische Tiefebene hinein und riß Tausende in den Tod? Oder irgendwelche andere Naturkatastrophen brachen über die bemitleidenswerten Insassen herein? Welch namenloses Schicksal kam da denn über die Opfer, welch tödlicher Zufall? Irgendwelche Täter, irgendwelche Verantwortliche? Iwo!  – Mitnichten, ERMORDET wurden sie! Und zwar VON DEUTSCHEN, muß es heißen, Herr Schröder, wir wollen die Wahrheit schon beim Namen nennen! (Bewußt wird hier frelich der bestimmte Artikel Dativ Plural „den“ nicht verwendet und auch nicht bloß von den sonst üblichen „Nazis“ gesprochen, denn wir sind ja trotzdem um Differenzierung bemüht …). Man fühlt sich jedenfalls sogleich an den berühmt-berüchtigten Aussetzer der Eva Herman erinnert, welche vor Jahren an gleicher Stelle  Dachau als das „erste von Amerikanern (!) auf deutschem Boden (!) errichtete (!!!) Konzentrationslager(!)“ bezeichnete. Was ist das nun: ein einmaliger, zwar fataler, gleichwohl im Grunde auch läßlicher Ausrutscher, oder spricht aus dieser Äußerung doch eher Ignoranz, Geschichtsvergessenheit, blanker Zynismus, Revisionismus, die neue öffentlich-rechtliche Geschichtspolitik gar? Liest denn da kein Redakteur mit etwas historischem Sachverstand, mit Sprachgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegen? Es ist jedenfalls Wasser auf die Mühlen der Kubitscheks, Pegidalichen, Jung-Freiheitlichen, AfDler, Reichsbürger, Echo-Antisemiten und aller anderen verbohrt Deutschtümelnden. Und als betroffener Beobachter fragst Du Dich dann bisweilen doch: Deutschland wohin?

PS, 23.04.2018: Worin die folgenden Zahlen ihre Basis haben, entzieht sich meiner Kenntnis, ich halte sie aber leider für realistisch – und also äußerst bedenklich! Es fügt sich jedenfalls in das obig beschriebene Gesamtbild.

„Was ist mit denjenigen Bundesbürgern, immerhin sechs Prozent der Gesamtbevölkerung, die einem geschlossenen antisemitischen Weltbild anhängen? Was mit den 20 Prozent, die für einen Schlussstrich eintreten?“

 

einsneundreinull.

So, nun hat es also auch die Bundesrepublik erwischt. Keine klaren politischen Verhältnisse in Sicht, keine starke Volksparteien mehr, die Fähigkeit zum Ausgleich und Kompromiß nachhaltig geschwunden, instabile Zeiten brechen an. Und Der ein oder die andere träumt offenbar davon, sich ein Ergebnis beliebig schönzuwählen. Willkommen in der neuen Bananenrepublik.

So, die FDP also. Lange acht Wochen währte das Schauspiel – das teils einer therapeutischen Gruppenaufstellung glich – nun schon, dann schmiss ein gerade wieder auferstandener Nebendarsteller überambitioniert einfach hin. Was haben die Liberalen eigentlich positiv eingebracht? Gut, eine überfällige Neuausrichtung der Bildungspolitik samt deren erhöhten finanziellen Ausstattung steht zu Buche. Abgesehen davon, daß es ein Wert an sich ist, Bildung gerade auch in der Breite und von klein auf zu fördern. Aber einer drohenden Aufweichung des Bildungsföderalismus stand offenbar die CSU entgegen. Auch den EURO nicht zu einer Quersubventionierung von notorischen Defizitsündern zu mißbrauchen, wie es die anderen beteiligten Parteien offenbar nicht rundheraus ablehnten, kann man gutheißen. Ansonsten fielen die ehemals selbst ernannten Besserverdiener und Leistungsträger durch die gewohnte Klientelpolitik auf. Offensichtlich wird das bei ihren unsolidarischen finanz- und steuerpolitischen Wunsch-Vorstellungen wie der Abschaffung des Solidaritätszuschlages, was überdies auch erst einmal erwirtschaftet sein will. Wenn drei Seiten dann – trotz unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung – übereinstimmend betonen, man hätte sich auf der Zielgeraden befunden; der Vierte im Bunde aber, gar nicht mal so schwergewichtig, einem Kleinkind gleich meint, nur weil er sich mit seinen Sonderinteressen nicht auf ganzer Linie durchzusetzen vermochte, beleidigt das Weite suchen zu müssen, eine konkrete inhaltliche Begründung dabei aber eher schuldig bleibt, sich dann dafür intern gar noch feiern läßt, bleibt nach der Wegstrecke, die bis dato schon zurückgelegt worden war, zumindest ein schaler Beigeschmack, wie ernsthaft und verläßlich denn diese Verhandlungen überhaupt geführt worden sind. Und wer im Übrigen andauernd einen Mangel an Vertrauen beklagt – mag das (subjektiv) nun stimmen oder nicht – , muß sich am Ende dann vielleicht auch einmal fragen (lassen), ob er selbst denn auch so vertrauenswürdig war und ist. Zumal es ja auch die Freidemokraten waren, welche beinah von Anbeginn bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit der Keule einer Neuwahl drohten. Die es unter Umständen nun wohl tatsächlich geben wird. Ein riskantes Kalkül freilich. Vielleicht spekulieren die liberalen Parteistrategen, wirtschaftsliberale AfD-Wähler zurückzugewinnen, welche gerade die behauptete Standfestigkeit dieser vermeintlichen „Stimme der Vernunft“ belohnen könnten. Weshalb die Liberalen dann wohl auf Sicht die nationale Karte, einer Wurzel ihrer Geschichte entsprechend, ziehen würden. Gleichzeitig könnte sie mit dieser Option weitere von der CDU enttäuschte Konservative an sich ziehen wollen. Ob sie mit einem solchen Kurs indes die mit der September-Wahl auf ihre Seite gewechselten 1 ½ Mio. ehemalige CDU-(Protest-)Wähler auf Dauer würde halten können, ist alles andere als ausgemacht. In diesem Zusammenhang ist es gleichwohl ein durchsichtiges Manöver der Parteiführung, gerade die Bündnisgrünen, den anderen möglichen Juniorpartner einer nun gescheiterten Jamaika-Koalition, offen anzugreifen und den Schwarzen Peter zuzuschieben. Denn nach einer wahrscheinlichen Neuwahl gedenkt die FDP doch sicherlich, ein rechts-bürgerliches Bündnis mit der CDU einzugehen. Da kann man schlechterdings nicht seinen künftigen Partner anschwärzen.

Die Grünen wirken derweil als die Angeschmierten. Ob es nun stimmen mag, daß sie den Liberalen keine Brosamen zugestanden hätten; als kleinster Partner (sieht man einmal von der CSU ab) scheinen sie gefühlt die weitestgehenden Kompromisse zu machen bereit gewesen. Und das bei ihrem Markenkern, der Ökologie und Klimapolitik. (Auch wenn manche ihrer Forderungen in Anbetracht der (Kräfte-)Verhältnisse vielleicht auf realistischeres Maß zurückgestutzt wurden.) Insofern hätte ich mir gewünscht, daß es die Grünen gewesen wären, welche die Gespräche aufkündigten. Zumal es auch gerade die CSU in der Person ihres neuen Wadenbeißers Dobrindt war, welcher, womöglich um von der eigenen Bredouille um seinen Parteichef und den Zustand seiner Partei ein bißchen wenigstens abzulenken und den strammen Alexander zu markieren, keine Gelegenheit ausließ, die Grünen anzufeinden. Doch am Ende werden selbst die Christsozialen insgeheim den Lindners und Kubickis dafür dankbar sein, durch ihr kaum am Gemeinwohl orientiertes Manöver kurzfristig etwas für Ruhe an der Münchner Front gesorgt zu haben. Und wer dürfte unter obwaltenden Umständen nun von diesem Scherbenhaufen am ehesten profitieren?

Postscriptum 12.12.2017:

„ (…) Union muss sich von SPD nicht erpressen lassen“ twitterte C. Lindner vorige Woche. Na, das hätte er bekanntlich auch anders haben können, aber wer halt sein Ego und seine Hülle allzu wichtig nimmt und dann persönlich beleidigt kneift …

„Friedensdividenden“

Man kann ja mal spekulieren: Angenommen, die Ukraine hätte weiland, im Dezember 1994 um genau zu sein, nicht das Atomwaffenarsenal, welches sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium befunden hatte, im Tausch gegen ihre international abgesicherte Integrität und Souveränität abgegeben. Die Entwicklung, die Geschichte wäre aber sonst bis 2014 identisch abgelaufen. (Daß dies eine unwahrscheinliche Laune der Geschichte wäre, ist dem Verfasser dieser Zeilen natürlich bewußt. Denn die Ukraine hätte sich in solchem Falle ja auch nach Art von Lukaschenkos Weißrußland entwickeln oder selbst zum aggressiven anti-wesstlichen Spieler mutieren können. Ob die NATO – alle Rußlandversteher aufgepaßt! – dann freilich ebenso weit ostwärts vorgedrungen wäre, bleibt zumindest ungewiß.)Dann hätte es sich Wladimir Putin unter Umständen zweimal überlegt, seine grünen Männchen nach der Krim bzw. der Ostukraine um Donezk und Luhansk greifen zu lassen. Kiew ist nun aber konventionell relativ schwach gerüstet. Und daher fällt es dem Kreml relativ leicht, seinen westlichen Nachbarn zu destabilisieren. Von dieser Warte aus betrachtet, ließe sich also historisch argumentieren, daß die schiere Existenz von Atombomben kleine wie große Kriege auf Basis konventioneller Waffen zu verhindern „helfen“. Eine Welt ohne Nuklearwaffen wäre demnach bloß möglich, wenn es allüberall stabile, genügsame Demokratien gäbe. Doch bekanntlich „kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Für die friedensoptimistischen Philanthropen unter uns bleibt derweil als Trostpflaster der Nobelpreis …

Die Vorher-Nachher-Show oder Faschisierung des öffentlichen Raumes

Meine Geburtsstadt, vorher:

Vorher – der „alte“ Platz der alten Synagoge

 

Ein Platz im Rechteck, nach Süden und Osten hin durch Kollegiengebäude der hiesigen alma mater begrenzt, in den anderen Richtungen durch Gehweg und Straße. Eine ausgedehnte durchgehende Grünfläche, auf zwei Seiten eingefaßt von einer niedrigen Mauer, welche als Sitzgelegenheit dient. Am nördlichen Ende ein Obelisk zum Gedenken an einen Sohn der Stadt, Karl von Rotteck (1775-1840), liberaler Politiker, Staatswissenschaftler und Historiker (Dieser vertrat eine aus heutiger Sicht problematische Position bezüglich der Judenemanzipation; für damalige Verhältnisse war eine solche Haltung indes durchaus nicht unüblich). Einige Meter davor ein gelbes Hinweisschild nach Art der Straßenverkehrszeichen, Richtung und Entfernung nach Gurs / Frankreich angebend; ein Ort in den Pyrenäen, wohin im Oktober 1940 die badischen, pfälzischen und saarländischen Juden von den Nationalsozialisten nach der Niederlage Frankreichs im Juni jenen Jahres deportiert wurden.

Vorher – Rottteck, KG II & das Gurs-Schild

 

Am südlichen Ende schließlich eine Gedenkplatte in Erinnerung an den vormaligen Standort der von den lokalen NS-Größen in der Reichspogromnacht (09.11.1938) zerstörten Freiburger Synagoge.

Von Landesarchiv Baden-Württemberg, CC BY 3.0 de

Vorher – die alte Synagoge (1926) / Von Landesarchiv Baden-Württemberg, CC BY 3.0 de

 

Vorher – die Gedenkplatte zur alten Synagoge

 

Vorher – die Gedenkplatte / Von © Jörgens.mi /, CC BY-SA 3.0

 

Der Name: Platz der alten Synagoge. Ein Ort der Erinnerung und Mahnung mithin, vernachlässigt gewiß und ziemlich verschlafen, aber beschaulich auch, im besten Sinne also lang-weilig; eine Stätte des Innehaltens zwischen Großstadt-Treiben, Verkehr und kühlem akademischen Betrieb. Ein Platz, der eine behutsame Rekonstruktion und Modernisierung dufchaus verdiente, aus Respekt vor der Geschichte, vor den (jüdischen) Opfern des Nationalsozialismus.

 

Nachher, im August 2017:

Nacher — der „neue alte“ Platz bei der Übergabe (02.08.2017)

 

Besagter Platz wurde nun im Zuge des Stadtbahnausbaus und der Aussperrung des Durchgangsverkehrs tatsächlich umgestaltet und Anfang diesen Monats der Öffentlichkeit übergeben. Und man kann sagen, es wurde ganze Arbeit geleistet. Das Grün ist größtenteils verschwunden; zwei, drei dürre Bäumchen auf den Stirnseiten vermögen ihre Alibi-Funktion kaum zu kaschieren, zumal sie vom Boden an über den ersten Meter jeweils eingekastelt sind durch ein Sitzpodest aus Holz. Der Platz ist nun von allen Seiten aus zwar problemlos begehbar, gleicht mit seinen beigen Steinplatten indes einer wüsten Ödnis. Der Rotteck ist offenbar zur persona non grata erklärt, der Mahn-Weiser nach Südfrankreich gleichfalls mittlerweile unerwünscht. Zum Theater hin gen Westen spritzen stattdessen mehrere Wasserspiele auf zur Erquickung von Hund, Kind und Kegel. Gen Südwesten zu nun das Herzstück der Neuanlage, ein permanent überlaufendes Wasser-Bassin, das in seinen Maßen dem Grundriß der alten Synagoge nachempfunden ist. Darinnen, kaum zu erkennen, die alte Gedenkplatte, ertränkt – um sie herum sabbernde Hunde, planschende Kinder und diese knipsende entzückte Erwachsene. Im Übrigen keinerlei erhellende Angaben, was es mit diesem Orte, seiner Bedeutung und seiner Geschichte eigentlich auf sich hat, nirgends.

Von Markus Wolter - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

Nachher – der „Gedenkbrunnen“ bei der Übergabe, im Hintergrund die neue UB / Von Markus Wolter – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0

 

Nichts anderes als ein hitze-strahlender neuer Aufmarschplatz, der nicht atmet, der ohne Leben, ohne Farbe ist, ohne Identität, der keinen echten Widerhaken bietet für das Auge. Stattdessen vor Öde und Leere nur so trieft, vor Kälte, vor Härte. Kongenial bildet er daher nun eine Einheit mit dem im wahrsten Sinne des Wortes blendenden Monolithen der neuen hiesigen Universitätsbibliothek (UB) – in Stein, Glas und Beton gehauener Nihilismus, Faschisierung des öffentlichen Raumes in der Vertikalen wie der Horizontalen. (Stein)platt(e) gemachte Geschichte, Verwässerung des Geschehens, Verplanschung des Gedenkens (resp. Vereisung, denn eine besonders intelligente Zeitgenossin entblödete sich nicht vorzuschlagen, das Wasser-Bassin winters in eine Eisbahn umzuwandeln …).

Gegen begehbare, erfahrbare Mahnmale ist ja zunächst überhaupt nichts einzuwenden. So ist das Stelenfeld in Berlin, das nationale Hoocaust-Mahnmal, mit der Zeit auch zu einem Besuchermagneten geworden. Und es wird immer Menschen geben, die aus Unwissenheit oder Indifferenz (oder etwa Beklemmung?) sich für Dritte irritierend verhalten. Jenem Monument in seiner langsam ansteigenden Monströsität – als solche wiederum auch anfechtbar – ist freilich eine ernsthafte Intention, welche zum Ge-Denken herausfordert, durchaus abzulesen. Derweil das Freiburger Planschbecken vielleicht gut gemeint war, in seiner schlußendlichen Ausführung jedoch sein Heil allein in der oberflächlichen Zerstreuung sucht und also auf ganzer Linie scheitert. Die Stadt ist dabei Wiederholungstäter, man denke bloß an die unselige, da dermaßen inkonsequente Änderung von Straßennamen: Avanti, Dilletanti!

Und Stadtväter wie Rat, allesamt allzu laissez-faire-grün-bewegt, geben sich auf einmal ach so überrascht, daß ihre notorisch feiersüchtige und spaßwütige Bevölkerung das Gelände okkupiert, die Stadtreinigung tagsüber daher Extra-Touren über den Platz fegen und frühmorgens erst einmal die delikate Hinterlassenschaft der nächtlichen Gelage entsorgen darf. Doch Party-People sind heutzutage ja auch künstlerisch veranlagt und verewigen sich in hochprozentiger Laune gerne gekritzelt auf den Steinplatten. Weshalb sich die Stadtverwaltung nun genötigt sieht, hierfür eine spezielle Reinigungsmaschine über mehrere Hunderttausend Euro anzuschaffen. Ganz zu schweigen von der peinlichen Posse um die Namensgebung (warum nicht einfach den alten Namen beibehalten?) und die unsensible Terminierung der späteren öffentlichen Einweihung unter quasi-Ausschluß der jüdischen Gemeinde. Allüberall mithin (bewußte?) Geschichtsvergessenheit, oben wie unten, hier wie dort (Berlin läßt momentan bekanntlich das Stadtschloß wiederauferstehen, in Potsdam droht derweil neuerdings der Wiederaufbau der Garnisonskirche). Da beschleicht einen bisweilen unwillkürlich der Verdacht, daß wir eben doch deutschlandalternativer gestimmt sind, als weite Teile von uns sich gemeinhin eingestehen wollen. Denk ich also an Deutschland in der Nacht …