Archiv für den Monat Mai 2018

Beyond the Definite oder die Erfahrung eines Meisterwerks

HAL

Damals in Berlin, im Jahre 2001, ein früher Sonntagnachmittag, Frühling; ein riesiger, leicht geschwungener Saal, doch fast leer, eine kleine Schar nur verliert sich im weiten Raum, Eingeweihte vielleicht oder auch Novizen, eine riesige Leinwand, die dadurch nochmal so groß wirkt; Richard Straußens Sonnenaufgang („Also sprach Zarathustra“), Affen in Afrika, ein Monolith, ein Knochen, ein Schnitt, das Universum, eine Mission, HAL, das Sternenkind;  keine Ablenkung durch exaltierte, omnipräsente Schauspieler, kaum Dialog, volle Konzentration auf das Geschehen, auf die Geschichte (welche Geschichte?!), auf mannigfaltige Klanglandschaften, auf rasend bunte, phantastische Bilderwelten („Jupiter and Beyond the Infinite“); keine klassische, strukturierte Narration, kein angespanntes Mitfiebern, kein bewußtes Verstehen, bloß sprachloses Staunen, bloß gebanntes Schauen und Lauschen, bloß ahnendes Fühlen, ein unwiderstehlicher Sog, eine Berückung, ein Hineinversinken  – Beyond the Definite: Kubricks 2001: A Space Odyssey!

 

Was uns die „Bäcker-Anekdote“ eigentlich sagen will …

Lindner hatte auf dem FDP-Parteitag eine Anekdote beschrieben, die ihm ein Bekannter mit Migrationshintergrund erzählt habe. Da bestellt jemand beim Bäcker „mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen“ – und die Leute in der Schlange wüssten nicht, „ob das der hoch qualifizierte Entwickler Künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer“, sagte Lindner. Diese Unsicherheit könne Angst auslösen.‘

Ja, kaum zu glauben, aber wahr, Christian Lindner hat seine soziale Ader, sein Herz für Wirtschaftsflüchtlinge entdeckt, für Söldner des Kapitalismus nämlich aus Indien oder woher auch immer, die bei nächstbester Gelegenheit weiterziehen, immer dem Ruf des Geldes folgend. Ja, das ist Liberalismus.

Mir ist es jedenfalls herzlich egal, wer mit welchem Deutsch und welchem Hintergrund und welcher Hautfarbe was auch immer beim Bäcker meines Vertrauens bestellt, lieber Herr L., Hauptsache ist doch, er verhält sich ansonsten anständig und bezahlt das Brötchen. Ersteres aber läßt im Übrigen häufig auch Ihresgleichen vermissen. Was darüber hinaus aber diese verschwurbelte Verknüpfung mit dem Bekannten eigentlich soll? Es scheint nicht jedermann gegeben, klar und eindeutig zu kommunizieren, was er eigentlich möchte, s. o. Derartige Ausflüge mancher Berufspolitiker in die Niederungen des gewöhnlichen Stimmbürgers wirken im besten Falle unfreiwillig komisch und anbiedernd, andernfalls schlichtweg peinlich. Dann doch lieber das Original, möge manch einer da denken.

 

 

Wenn lokale selbsternannte Links-Grüne die Ökonomie für sich entdecken …

Nachtökonomie. Schon mal gehört? Klingt doch irgendwie nach einem Stichwort oder gleich einem ganzen Kapitel aus einer Einführung in die neoliberale Betriebswirtschaftslehre für jung-dynamische und spaß-orientierte Berufssöhne und –Töchter. Doch weit gefehlt: dieses Unwort – nun soll also auch die eigentlich der Ruhe vorbehaltene Nacht einer radikalen Durchökonomisierung unterworfen werden – führt Monika Stein im Munde. Ihres Zeichens sich links gebende, grün-dissidente Kandidatin zur OB-Wahl in meiner Heimatstadt Freiburg i. Br., wo es heute ins Stechen geht zwischen ihr, dem grün-konservativen Amtsinhaber Dieter Salomon und dem Überraschungssieger aus der ersten Runde, dem von SPD und FDP unterstützten Martin Horn.

Zunächst läßt sich fragen, ob denn die Konzeption eines wie auch immer integrierten Nachtlebens – das nämlich mag wohl der Begriff der Nachtökonomie besagen – eigentlich zu den Kernaufgaben einer Stadtverwaltung gehört. Zumal in Zeiten knappen Wohnraums, teils maroder Infrastruktur und sozialer Brennpunktbildung. Sinnvoll wäre ein solches Konzept in der Tat dann, wenn es zu einer Dezentralisierung des Nachtlebens beitrüge und mithin der Beruhigung der am meisten betroffenen Viertel der Innen- und Altstadt, namentlich des sogenannten Bermuda-Dreiecks, diente. Doch wird hier eher der Versuch unternommen, die Haupt-Leidtragenden,  vor allem auch alteingesessene Anwohner, gegen allzu vergnügungssüchtige, in Vororte zugereiste Studenten auszuspielen, wenn das Nachtleben einseitig als Standortfaktor betrachtet wird. Die Bewohner der Innenstadt, ihre Lebensqualität im nächtlichen Alltag sollen mithin zugunsten sprudelnder Steuereinnahmen der restlichen Stadtgemeinde im Namen des Vergnügungs-Kommerz zum Opfer dargebracht werden, dessen Haupt-Anhänger in verkehrsberuhigten und friedhofsseligen Vierteln ihre selbstgefällige, öko-alternative Salon-Attitüde ausleben. Derweil die Innenstadt (gewollt?) zum rechtsfreien Raum mit Müllhalde mutiert. Liebe Frau Stein und all die anderen Lifestyle-Freiburger, wissen Sie was, ich rufe Sie bei Gelegenheit samstags- oder sonntagsfrüh an, oder auch werktags, sollte es Ihnen da besser passen, lade Sie ein zu meinem Elternhaus in das besagte Bermuda-Dreieck, drücke Ihnen Eimer und Lappen in die Hand und dann putzen Sie mal gern die urinierten und erbrochenen Resultate Ihrer Nachtökonomie aus den Hauseingängen weg. Sie müssen dann bloß entschuldigen, daß ich unter Umständen etwas überreizt sein werde, qua Schlafmangel, denn Ihre ach so geschätzten Kneipiers halten sich nicht an die schon großzügigen Polizeistunden; stattdessen bewirten und beschallen sie Ihre/ihre ach so gehätschelte (nicht allein studentische) Kundschaft bis weit in die frühen Morgenstunden hinein auf den Freisitzen, bei weit geöffneten Fenstern und Türen, teils auch mit nicht zugelassenen Außenlautsprechern, und das sommers wie winters, sieben Tage die Woche. Und ohne daß es diese Stadtverwaltung je kümmerte. Freiburg, Du Verlogene!

 

Frau Steins Programmpunkt „Nachtleben“ im Wortlaut:

Nachtleben

In Freiburg gibt es viele junge Menschen, die hier aufgewachsen oder als Studierende und Arbeitnehmer*innen hierher gezogen sind – und auch viele nicht mehr ganz so junge Menschen, die Wert auf ein lebendiges Nachtleben legen. Dabei gibt es Interessenkonflikte, die durch die Politik nicht verleugnet werden dürfen, sondern die die Politik versuchen muss auszugleichen. Daher wird es mit mir als Oberbürgermeisterin folgendes geben:

  1. Ein Clubkonzept für die Innenstadt
  2. Räume für die Musikszene und die freie Kunstszene
  3. Nachtökonomie als Standortfaktor

Das Freiburger Nachtleben befindet sich einer Krise. In den letzten Jahren mussten mehr Clubs schließen als neue eröffneten. Der schwindende Raum sorgt dafür, dass viele Veranstalter Party- und Konzertreihen kaum noch aufrechterhalten können. Die stadtprägende Vielfalt der Szene ist davon stark bedroht.

Die Freiburger Innenstadt ist das pulsierende Herz Freiburgs. Das Nachtleben dort hat in den letzten Jahren gelitten. Kellerclubs, kleine Kneipen, aber auch größere Clubs, öffentliche Plätze für Nachtschwärmer*innen, das Stadttheater bilden die lebensnotwendige Arterie. Freiburger Bürger*innen, Tourist*innen und auch viele aus dem Umland schätzen die Stadt dafür. Ich will das erhalten.

Fehlende Räume treffen jedoch nicht nur die Partygänger*innen und Organisator*innen, sondern auch Musiker*innen jeglicher Musikstile. Freiburg hat eine große Anzahl praktizierender Bands, Musikensembles und auch Einzelkünstler*innen. Diese benötigen Proberäume, um ihrer Kreativität freien Lauf lassen zu können. Seit dem Wegfall des alten Güterbahnhofsgeländes, einem Ort, an dem die Mehrzahl der Proberäume in Freiburg beheimatet war, hat sich die Situation nochmals verschärft. Damit die Kreativen unserer Stadt ihr Potential ausschöpfen können, werde ich mich dafür einsetzen, dass die Stadt sich des Raumproblems intensiver annimmt. Im Moment plant die FWTM ein Musiker*innenhaus, aber der Gemeinderat hat seine Zustimmung noch nicht gegeben. Für diese werde ich kämpfen, denn ein solches Haus ist ein erster wichtiger Schritt zur Lösung der Problematik.

Auch die freie Kunstszene hat Raumprobleme. Nachwuchskünstler*innen sind auf Ateliersuche und finden oft keine Orte, um ihre Kunst einer geneigten Öffentlichkeit vorzustellen.

Ein weiterer Baustein für mehr Räume für all diese verschiedenen Aktivist*innen, welche einen großartigen Beitrag leisten, diese Stadt so lebendig, bunt und kreativ zu gestalten, kann ein kommunales Zwischennutzungskonzept sein.

Nachtleben und Nachtökonomie werden in Teilen der Bevölkerung und auch der Stadtverwaltung als etwas Störendes wahrgenommen. Ein erhöhter Geräuschpegel, Müll und Alkohol gehören zum Nachtleben, und ich kann verstehen, dass dies zu Konflikten führt, besonders in der bewohnten Innenstadt. Doch bei den Debatten darf man nicht vergessen, dass Nachtleben und Nachtökonomie neben einer kulturellen Bereicherung auch ein Standortfaktor sind. Gerade eine Stadt wie Freiburg, die nicht von großer Industrie lebt, sondern deren ökonomische Stärke mit der Universität verknüpft ist, braucht genau diesen Standortfaktor. Eine Universität lebt davon, dass junge Erwachsene sich für ein Studium in Freiburg entscheiden. Für diese Bevölkerungsgruppe ist ein lebendiges und vielfältiges Nachtleben ein Faktor für eine solche Entscheidung.

Kurz gesagt: Freiburg profitiert von einem lebendigen Nachtleben. Ich werde mich darum kümmern, dass dieses durch kommunale Maßnahmen wieder Fahrt aufnimmt und dass die Nutzungskonflikte des öffentlichen Raumes offensiv angegangen und nicht verleugnet werden.

Zu den konkreten Maßnahmen, die ich ergreifen werde, gehören die Erarbeitung eines Clubkonzepts und die unkompliziertere Vergabe von Clublizenzen sowie die Einrichtung einer Breitenförderung der Sub- und Clubkultur und die Erarbeitung eines Nachtlebenkonzepts. Der schnelle Aufbau des Musiker*innenhauses mit weitere Proberäumen kann ebenso Raum für kulturelle Nutzung schaffen wie die Erstellung eines kommunalen Zwischennutzungskonzepts.

Das Amt für öffentliche Ordnung wird unter meiner Führung ein Partner und nicht Verhinderer der Veranstalter*innen in Freiburg. Konkret: Der jetzige Amtsleiter Herr Rubsamen ist eine Fehlbesetzung durch den amtierenden Oberbürgermeister Salomon, und diese muss schleunigst korrigiert werden.

Vergiftetes Mitleid

Wer Sportsfreunde hat, braucht keine Feinde! So scheint es jedenfalls, betrachtet man Andi Köpkes vorgebliche Parteinahme zugunsten Sven Ulreichs anläßlich dessen unglücklichen Rettungsversuchs gegen Karim Benzema im CL-Semifinalrückspiel der Münchner Bayern gegen die königlichen Madrilenen am vergangenen Dienstag etwas genauer: „Ulreich hat vorher gut gehalten. Deshalb tut er mir auch leid“. Ja wie, ja was? Wäre er vorher mit weniger Fortune oder Können zwischen den Pfosten gestanden, könnte man kein Mitleid mit ihm empfinden? Und was soll uns denn das kleine Wörtchen „auch“ hier eigentlich sagen? Daß sich der Sprecher neben Häme und Spott a u c h zu etwas Mitleiden aufraffen kann? Köpke fährt dann fort: „Bei der Bewältigung dieser Szene kann dir keiner helfen. Das musst du für dich ausmachen.“ In der Tat, der arme Tormann sitzt gleich nach dem Schlußpfiff einsam und verlassen an den Pfosten gelehnt auf dem Rasen (Kapitän Thomas Müller versucht ihn später allerdings in Schutz zu nehmen). Unmittelbar danach bricht dann der Sturm los. Und auch der vermeintlich wohlmeinende Köpke kann es nicht unterlassen, zuvor nochmals dreinzuschlagen, denn es fällt der ominöse, völlig überflüssige Satz: „Das Bayern-Ausscheiden wird man immer mit ihm verbinden.“ Daß sich Köpke „sicher“ ist, „er (S. Ulreich) wird das schaffen“ und also über das Geschehene hinwegkommen, klingt vor diesem Hintergrund auch eher süffisant. Wahre Anteilnahme, echtes Mitgefühl sieht wohl etwas anders aus. Denn wer sagt uns im Übrigen, daß die Bayern andernfalls sicher noch ein zweites und drittes Tor hätten erzielen können und Madrid gleichzeitig leer ausgegangen wäre? Schon beim Ausgleich schlief nämlich die Münchner Abwehr bei Flanke und Kopfstoß gewaltig. Der mehr als dämliche Rückpass von Correntin Tolisso, welcher den armen Schlußmann ja erst in die Bredouille gebracht hat, wird dagegen kaum kritisiert. Das Ausscheiden nun also auf ewig mit einem einzigen Mann zu verbinden, einem einzigen unglücklichen Schritt anzulasten, zeugt nur mal wieder von einem von zu viel Geld korrumpierten, übersteigerten, sozialdarwinistischen Leistungsdenken im Millionenspiel. Si tacuisses …

Die eigentliche Kunst

  • Original: Mari Boine – Vuoi Vuoi Mu (Idjagieðas / In The Hand Of The Night; EmArcy/Universal Music, Germany, 2006)
  • Remix: Mari Boine ‎– Vuoi Vuoi Me (Henrik Schwarz Remix) (Universal Music Group, Germany, 2007)

 

 

Beim Wiederhören gerade kam mir auf einmal der Gedanke, welch genialer Remix das doch eigentlich ist. Denn es gelingt dem Künstler, seine Interpretation nicht unbedingt als solche erkennen zu lassen, auch wenn einem das Ausgangsmaterial bekannt sein sollte. Das mag wohl auch letzterens spröder Archaik geschuldet sein, die eine Bearbeitung eventuell erleichtert. Einen freilich auch grandios scheitern lassen kann. Aber der Produzent hier vermag ein Stück zu gestalten, welches sich einerseits beinah organisch um das Original herumschmiegt, eine kongeniale Mischung gleichsam aus Ruhe und Bewegung, (vermeintlicher!) Tradition und Moderne, Simplizität und Komplexität. Zugleich kreiert er aber eine Komposition von ganz eigenem Rang, erschafft quasi ein neues Original. Und diese spannende Synthese ist die eigentliche Kunst. Just listening and enjoying!