Archiv für den Tag 25. September 2017

Nach-Krieg und Vor-Krieg oder vom politischen Anstand

Seit gestern Abend ist die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik endgültig vorüber. Und der Vorkrieg hat begonnen. Denn der längst tot geglaubte deutsche Militarismus feiert fröhlich Urständ und wird gar wieder parlaments-salonfähig. Oder wie ist A. Gaulands Diktum, Deutsche können, wenn nicht gleich sollen, auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen stolz sein, anders zu verstehen? Was daran freilich vorbildhaft für die heutige Zeit und zukunftsleitend sein soll, fehlt mir entschieden die Phantasie dazu.
Eine solche Haltung markiert freilich bloß den vorläufigen Höhepunkt einer länger schon zu beobachtenden Entwicklung. Ähnliche andere Symptome lassen sich anführen. So häufen sich bspw. die Berichte über Gaffer, die am Leid von Unfallopfern ihre Sensationsgier befriedigen und sich offenbar nicht entblöden, gar noch zu photographieren oder zu filmen, um dies Spektakel hernach öffentlichkeitswirksam zu teilen: „Mein erster Toter, boah ey!!!“. Und als ob das nicht schon genug wäre, werden neuerdings auch Rettungskräfte, Sanitäter und Feuerwehrleute, bei ihrer an sich schon nicht ungefährlichen Arbeit auch noch behindert, teils gar angegriffen. Auf der medialen Ebene wiederum werden mehr oder weniger beschränkte Kandidaten in unterschiedlichen Casting-Formaten und Doku-Soaps – da sucht der Superstar das Topmodel und tauscht die Frau im Dschungelcamp des Big Brother – öffentlich vorgeführt und gedemütigt, zur Belustigung des johlenden TV-Prekariats. Und aus der Tiefe des Internets nach oben gespült, kursiert blanker Haß mittlerweile ganz offen in Mails, Tweets oder Briefen an sozial exponierte Vertreter aus der Welt der Medien, der Kirchen oder an jegliche andere engagierte Zeitgenossen.
Eine Verrohung der Gesellschaft macht sich mithin breit. Und eben nicht nur (scheinbar?) Zu-kurz-Gekommene, sondern auch solche bloß ohne Kinderstube scharen sich daher nun im Asyl für Derangierte, kurz AfD genannt, – die späte Rache Honeckers für Kohls manchester-kapitalistische Übernahme der verblichenen DDR -, um Opi Gauland und Onkel Höcki. Deren Vorhut marschiert nun tatsächlich in den Bundestag ein. Die Jagdsaison ist auch bereits eröffnet, getreu der alten Maxime „Block, nicht Brei“ (Ab-Spaltungen sind da bekanntlich eher förderlich, weil es hernach die Reihen enger schließt). Und der Feind, siehe oben, ist auch längst schon ausgemacht. Da bringen sich „wir“ in Stellung gegen „die“, welche man dann beispielsweise kurzerhand in Anatolien – warum nicht gleich in Oberschlesien? – zu „entsorgen“ gedenkt. Und die Mitte (und der Rest) beschimpft sich nun gegenseitig. Oder schmollt. Oder unkt. Oder stellt Forderungen. Oder entdeckt urplötzlich die Sozialpolitik als entscheidendes Wahlkampfthema für sich. Oder hat sich schlicht nichts vorzuwerfen. Aber Geschichte wiederholt sich nicht, oder doch?