Archiv für den Monat September 2017

Nach-Krieg und Vor-Krieg oder vom politischen Anstand

Seit gestern Abend ist die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik endgültig vorüber. Und der Vorkrieg hat begonnen. Denn der längst tot geglaubte deutsche Militarismus feiert fröhlich Urständ und wird gar wieder parlaments-salonfähig. Oder wie ist A. Gaulands Diktum, Deutsche können, wenn nicht gleich sollen, auf die Leistungen deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen stolz sein, anders zu verstehen? Was daran freilich vorbildhaft für die heutige Zeit und zukunftsleitend sein soll, fehlt mir entschieden die Phantasie dazu.
Eine solche Haltung markiert freilich bloß den vorläufigen Höhepunkt einer länger schon zu beobachtenden Entwicklung. Ähnliche andere Symptome lassen sich anführen. So häufen sich bspw. die Berichte über Gaffer, die am Leid von Unfallopfern ihre Sensationsgier befriedigen und sich offenbar nicht entblöden, gar noch zu photographieren oder zu filmen, um dies Spektakel hernach öffentlichkeitswirksam zu teilen: „Mein erster Toter, boah ey!!!“. Und als ob das nicht schon genug wäre, werden neuerdings auch Rettungskräfte, Sanitäter und Feuerwehrleute, bei ihrer an sich schon nicht ungefährlichen Arbeit auch noch behindert, teils gar angegriffen. Auf der medialen Ebene wiederum werden mehr oder weniger beschränkte Kandidaten in unterschiedlichen Casting-Formaten und Doku-Soaps – da sucht der Superstar das Topmodel und tauscht die Frau im Dschungelcamp des Big Brother – öffentlich vorgeführt und gedemütigt, zur Belustigung des johlenden TV-Prekariats. Und aus der Tiefe des Internets nach oben gespült, kursiert blanker Haß mittlerweile ganz offen in Mails, Tweets oder Briefen an sozial exponierte Vertreter aus der Welt der Medien, der Kirchen oder an jegliche andere engagierte Zeitgenossen.
Eine Verrohung der Gesellschaft macht sich mithin breit. Und eben nicht nur (scheinbar?) Zu-kurz-Gekommene, sondern auch solche bloß ohne Kinderstube scharen sich daher nun im Asyl für Derangierte, kurz AfD genannt, – die späte Rache Honeckers für Kohls manchester-kapitalistische Übernahme der verblichenen DDR -, um Opi Gauland und Onkel Höcki. Deren Vorhut marschiert nun tatsächlich in den Bundestag ein. Die Jagdsaison ist auch bereits eröffnet, getreu der alten Maxime „Block, nicht Brei“ (Ab-Spaltungen sind da bekanntlich eher förderlich, weil es hernach die Reihen enger schließt). Und der Feind, siehe oben, ist auch längst schon ausgemacht. Da bringen sich „wir“ in Stellung gegen „die“, welche man dann beispielsweise kurzerhand in Anatolien – warum nicht gleich in Oberschlesien? – zu „entsorgen“ gedenkt. Und die Mitte (und der Rest) beschimpft sich nun gegenseitig. Oder schmollt. Oder unkt. Oder stellt Forderungen. Oder entdeckt urplötzlich die Sozialpolitik als entscheidendes Wahlkampfthema für sich. Oder hat sich schlicht nichts vorzuwerfen. Aber Geschichte wiederholt sich nicht, oder doch?

ver-Sprach-licht: Vom Nutzen

Wie ich mich vor Kurzem mit Tierfällen beschäftigte, fiel es mir mal wieder überdeutlich ins Auge: Die Vielfältigkeit menschlicher Nutzanwendungen. So kennen wir die Nutz-Fläche, was das auszunutzende dreidimensionale Volumen eines (Stau-)Raumes, der Kofferraum eines Kraftfahrzeuges bspw., bezeichnen kann. So weit, so gut. Dann verstehen wir aber auch die zur Verfügung stehende zweidimensionale Ausdehnung an Boden darunter; eine wie auch immer geartete Landschaft, frei zum Ge-Ver-Brauch: zur Bebauung und Versiegelung, Bepflanzung, oder Abholzung, Abweidung, Abbau … . Häufig baut man dort auch Nutz-Pflanzen an. Und da beginnt man dann hellhörig zu werden. Im Umkehrschluß impliziert diese Benennung doch: Wenn es also Nutz-Pflanzen gibt, muß es unweigerlich auch unnütze Pflanzen geben. Gemeinhin als Ungeziefer verunglimpft, fällt es in der Regel der „Ausmerze“ anheim (wer hat darob eigentlich die Definitionsmacht?).
Davon gar nicht so verschieden verfährt der Mensch mit der Tierwelt. Von Ungetier wird hier zwar weniger gesprochen; Ratten oder Mäuse, die üblichen Verdächtigen also, aber auch andere, in der Regel in romantischer Tradition positiver konnotierte Wildtiere wie Vögel oder Biber, Hasen und Wölfe ereilt gleichwohl häufig ein dem Ungeziefer ähnliches Schicksal. Ob das Los von Nutz-Tieren (oder auch „tierischen Sportgeräten“) indes erstrebenswerter ist? Denn die Kuh wird so lange gemolken, wie sie Milch gibt. Will sagen: Jede „Nutzung“ ist biologisch begrenzt durch Alter und individuelle Leistungsfähigkeit. Diese sucht man maximal zu steigern und auszubeuten durch „fördernde“ Maßnahmen wie extreme Verringerung des Platzangebotes oder exzessive Gabe chemischer Präparate. Ist die arme Kreatur dann wie eine Zitrone bis zum Letzten ausgequetscht oder hinreichend gemästet, geht es meist auf die (noch dazu allzu häufig viel zu lange) Reise, doch eben nur zur Vollendung ihrer einzigen Bestimmung, der fabrikmäßigen Schlachtung nämlich. Und dies allein aufgrund einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung im Zeichen einer instrumentellen Vernunft, dem Menschen zum Behagen.
So weit, so pervers. Aber warum um alles in der Welt ist unsere überfeinerte Zivilisation dann eigentlich so zimperlich bzw. nicht so ehrlich mit sich selbst und spricht auch vom Nutz-Menschen?

ver-Sprach-licht: „Ich war noch niemals in NY …“

Weiland bekannte Udo Jürgens zu seligen Schlagerzeiten der Kindheit wiederholt wahrlich wehmütig:

„Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii
Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen“

( Aus: Udo Jürgens, „Ich war noch niemals in New York“, Album Silberstreifen, 1982)

 

Doch spätestens beim dritten Mal macht es einen stutzen: denn u. U. war dieses Ich zuvor durchaus schon durch San Francisco und über die Golden Gate Bridge flaniert – in Anzug und Krawatte beispielsweise. Oder auch im Lederarsch, oder  … 🙂

Quelle: welt.de

Im rechten Glashaus …

Am späten Montagabend dieser Woche (resp. via Mediathek gestern Nachmittag): die ARD zeigt die Reportage „Kreuz ohne Haken. Die Kirche und die Rechten“, eine Dokumentation über die Auseinandersetzung einzelner aufrechter Pfarrer mit Rechtsextremen, nicht erst seit der Flüchtlingskrise. Das Ressentiment der Rechten gegenüber den christlichen Kirchen bringt ein katholischer Politikwissenschaftler und Publizist, A. Püttmann, darin wie folgt auf den Punkt:

 „Dann betrachten sie die Kirche auch als eine schützende Funktion für sogenannte minderwertige Menschen, die irgendein Handicap haben, die nicht dem Ideal des robusten, siegreichen, in der Regel ja auch Mannes entsprechen, sondern sich um das Gebrochene und Schwache kümmern.“ (A. Püttmann)

Nietzsche läßt grüßen. Dem aufmerksamem Zeitgenossen fällt dabei freilich unweigerlich die Tatsache ins Auge, daß auch manche Tiefbegabte, Mindebemittelte und Schwachmaten in den Reihen eben dieser Rechtsextremen mitmarschieren. Doch wenn es der „nationalen Befreiung“ dient, nimmt man offenbar manchen Widerspruch in Kauf. Und im Übrigen eignet sich das gemeine Fußvolk doch prima als Schlägertrupp, Kanonenfutter oder Folterknecht …

Staatstragend!

Was längst schon zu ahnen war, ist Sonntagabend zur Gewißheit geworden: der Drops ist geschlotzt, die Wahl ist entschieden. Dieses staatstragende Miteinander genannt TV-Duell dümpelte allzu belang- und lustlos vor sich hin. Es fehlte das Salz in der Suppe, die Diskussion (welche Diskussion?) blieb allzu sehr im Ungefähren stecken, ohne jede positive Zuspitzung, ohne jede gesunde Polarisierung. Woran freilich auch das vierköpfige Moderatorenteam gehörigen Anteil hatte. Denn außenpolitische Fragen und Probleme mögen zwar durchaus spannend sein, zumal in bewegten Zeiten wie diesen, beeinflussen den gemeinen Bürger wie Dich und meiner einer jedoch allenfalls mittelbar. Wohnung und Miete, Rente, Flüchtlingsintegration, innere Sicherheit, Infrastruktur, Bildung, … – all das, was Lieschen Müller oder Ludwig Piffl tagtäglich bewegt, kam schlichtweg nicht vor. Auch wenn es dem wahlkämpfenden Gast angesichts falscher Fragen (in welcher Realität leben TV-Journalisten resp. –Moderaten eigentlich?) natürlich freisteht, eigene Akzente zu setzen. Doch darauf verzichtete der Herausforderer wohl in einem Anflug von präsidialer Anständigkeit (oder war es doch eher politische Naivität resp. außenpolitische Verliebtheit, was ihn bereitwillig über das hingehaltene dementsprechende Stöckchen springen ließ? Oder traute er sich wahl-programmatisch an diesem Abend schon nicht mehr selbst recht übern Weg, weshalb er eben Zuflucht nahm zu seinem eigentlichen Steckenpferd, eben der Außenpolitik?). Überhaupt blieb vom roten Kandidaten eigentlich bloß sein überkorrekter, unwilliger Konjunktiv in Erinnerung). So bleibt allenfalls der schale Nachgeschmack, daß auch Moderaten qua Fragen-Auswahl und -Anordnung Wahlhilfe leisten können zugunsten der Amtsinhaberin.

Bundes-Angie durfte sich folglich an der Internationalität ihres Telephonnummern-Verzeichnisses berauschen, was offenbar auch völlig ausreichte als Nachweis ihrer Kompetenz. Schulzens Martin gefiel sich derweil in populärem Trumpeltier-Bashing und fiel ansonsten bloß dadurch auf, daß er Recep Rindawahn demonstrativ die Türe zuschlug, was bei der anschließenden willigen Sezier-Runde zwar als Paukenschlag verkauft wurde, nach den Entwicklungen der letzten Zeit freilich auch nicht recht mehr überraschen konnte, wollte man sich nicht ständig vorführen lassen. Damit allerdings noch irgendwelche unentschlossene Wahlberechtigte für die Roten mobilisieren zu können, scheint doch eher Wunschdenken zu sein.

Die Sozialdemokratie droht daher nun eher an der 20%-Marke zu scheitern, was in historischer Perspektive eine Katastrophe für das ganze Land wäre. Und somit spielte dieser Abend des lockeren Geplauders in Einigkeit einzig einem Kontrahenten, welcher gar nicht mit am Tisch saß, äh stand, in die Hände – den Deutschtumsaffen von der AfD nämlich. Deren allzu vielköpfigen Einzug in den Bundestag durch eine hohe Wahlbeteiligung und ein überlegtes Votum möglichst klein zu halten, ist nun erste Bürgerpflicht – und wahrhaft staatstragend!

Das Maß aller Dinge oder homo lupo lupus est

Fürwahr, (nicht nur) die Obrigkeit weiß nicht recht mit Tieren umzugehen und Simpel finden sich allüberall. Jenseits des großen Teiches, in Oregon bspw., entbellt man beispielsweise Hunde.

einige flauschige Artgenossen der in den USA abgetönten Hunde / Quelle faz.net

Dabei könnte es gut sein, daß die alsbald stimmlich kastrierten Vierbeiner bloß Mittel zum Zweck in der Auseinandersetzung irgendwelcher Ego-Shooter sind. Aber vielleicht war das ja auch die einzige Möglichkeit, die Tiere vor einem Erschießungskommando zu retten, da drüben weiß man ja nie. Obwohl, andernorts ist man bereits wesentlich weiter und eben nicht so zimperlich. Da darf eine schießwütige Ordnungsmacht schon mal ihr Mütchen kühlen an unbeteiligten Artgenossen eines zugegeben in flagranti erwischten Todbeißers einer Rentnerin (Stetten a. k. M., 30.05.2017; Die Halter tragen hierbei allerdings wohl auch ein gerüttelt Maß Mitschuld am Schicksal ihrer Tiere durch vermutlich nicht artgerechte Haltung). Als hätte es da jedenfalls keine weniger finale Alternative mehr gegeben. Anderswo, in meiner Geburtsstadt nämlich, taten sich Ordnungshüter vor einigen Jahren dabei hervor, einen bei komplett geschlossenen Fenstern im PKW seines allzu dämlichen Frauchens eingesperrten Hund bei Sommerhitze kollabieren und sterben zu lassen.

Daß weite Teile der hiesigen Bevölkerung Einwanderung kategorisch ablehnen und Deutschland nicht das sicherste Pflaster für Migranten darstellt, durfte derweil Ende Juli ein eingewanderter Wolf am eigenen Leibe erfahren, der einem kaltblütigen Meuchelmord zum Opfer fiel und anschließend kurzerhand im nahegelegenen Stausee entsorgt wurde, ohne daß dem Lupo auch nur der geringste „Sachschaden“ an „Nutztieren“ zur Last gelegt werden konnte, was indes auch keine echte Rechtfertigung wäre (Schluchsee, 08.07.2017). Und irgendwo im Hessischen gedachte ein junger Mann Anfang des Jahres seine private wie berufliche Krise auf besonders kreative Weise zu lösen, indem er kurzerhand seinen vermeintlich besten Freund in einem Wald an einem Baum aufknüpfte. Den Hund eventuell im Tierheim abzugeben und sich stattdessen selbst den Strick zu geben, fehlte dem Typen offenbar die Einsicht und Courage. Und ob der Stadtfuchs, welcher sich bisweilen an den zu entsorgenden gelben Säcken vor meinem ehemaligen Wohnheim gütlich getan hatte, inzwischen eines natürlichen Todes erlegen ist, wage ich auch zu bezweifeln …

Und das sind bloß einige wenige Beispiele, Auswüchse, Extreme, die berühmte Spitze des Eisbergs gleichsam. Unzählige Tiere erleben Tag für Tag ein Martyrium in der Agrar- und Lebensmittelindustrie, in der Kosmetik- und der Pharma-Industrie, aber auch im „Sport“, und ganz besonders hinter den sogenannten eigenen vier Wänden. Fürwahr, der Mensch ist der selbsternannte und –ermächtigte Herr über die Schöpfung und ihr alleiniges Zentrum … Ob das aber letztlich auch im Sinne des biblischen Erfinders war?

 

Postscriptum, 18.11.2017:

Auch das Trumpeltier hat eine bemerkenswert differenzierte Meinung zu diesem Thema: Trump erlaubt Amerikas Großwildjägern Einfuhr von Elefantenköpfen